»wo soll ich rasten bei solchem Wetter in der Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte an das Vespergeläut im Kloster, das alle Abend’ die Brüder in Frieden zu Ruhe und Schutz zusammenruft.

Aber horch! war’s da nicht wirklich wie ein Läuten durch den Wald? Jetzt vernahm ich’s wieder; ich täuschte mich nicht. Wie mir das tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte meine Schritte, und bald öffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde.

Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem Abhang des einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Läuten kam. Ich fand bald den Weg, der dahin führte. Wie ich ihn eingeschlagen hatte, ließ allgemach das Unwetter nach. Der Donner verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem Felsenvorsprung in halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein vor mir.

Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wässerlein plätscherte von der Höhe daran vorbei und ergoß sich in Sprüngen auf die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm, strahlte das Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich gegen Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her die Klänge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses Liedes:

Es liegt die Welt mit ihrem Glücke,
Ein fernes Eiland, hinter mir,
Und keine Fähre, keine Brücke,
Trägt jemals mich zurück zu ihr.

Ein ander Ziel hab’ ich erlesen,
Deß Bild die Seele fest umschlingt.
Wie wird mein trübes Aug’ genesen,
Wenn die ersehnte Küste winkt!

Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen,
An’s Steuer denn mit fester Hand,
Laß Stürme brausen, Blitze sprühen,
Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!

Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit, voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schön zu stimmen zu dem heiteren Abend nach all’ dem Sturm und bösen Wetter, und ich dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen Seligkeit, die himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trägt, und es ist wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch den Bogen Gottes.«

So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.

Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der unter der offenen Thür stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick zusammenhielt; unten sahen die Füße bloß hervor. Sein Haupt war mächtig und von breiter Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief gefurcht, als stünde da manch