»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt

habe, so gedenk’ ich selbst die Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure Schule zu nehmen!«

Da mußt’ ich mir mit einer List helfen:

»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.«

»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist’s Euch ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein, deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.«

»Was aber«, fragt’ ich, »wird aus »Sifride wie der erzogen wart« und den Aventiuren darnach?«

»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.«

Solch’ Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo

Aventiuren um so geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der bestehen?

Aber ungedacht gerieth mir Irmela’s Singelust durch meine Malkunst zum Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt’ ich ihrer warten. Ein gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick hinüberschauen in’s Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch ungesehen und heimelich.