Brigitte. Nun, bei meiner Treu, so kann ich mich ins Grab legen: der
Traum des Grafen vom Strahl ist aus!
Kunigunde. Welch ein Traum?
Rosalie. Hört nur, hört! Es ist die wunderlichste Geschichte von der Welt!—Aber sei bündig, Mütterchen, und spare den Eingang; denn die Zeit, wie ich dir schon gesagt, ist kurz.
Brigitte. Der Graf war gegen das Ende des vorletzten Jahres, nach einer seltsamen Schwermut, von welcher kein Mensch die Ursache ergründen konnte, erkrankt; matt lag er da, mit glutrotem Antlitz und phantasierte; die Ärzte, die ihre Mittel erschöpft hatten, sprachen, er sei nicht zu retten. Alles, was in seinem Herzen verschlossen war, lag nun, im Wahnsinn des Fiebers, auf seiner Zunge: er scheide gern, sprach er, von hinnen; das Mädchen, das fähig wäre, ihn zu lieben, sei nicht vorhanden; Leben aber ohne Liebe sei Tod; die Welt nannt er ein Grab, und das Grab eine Wiege, und meinte, er würde nun erst geboren werden.—Drei hintereinander folgende Nächte, während welcher seine Mutter nicht von seinem Bette wich, erzählte er ihr, ihm sei ein Engel erschienen und habe ihm zugerufen: Vertraue, vertraue, vertraue! Auf der Gräfin Frage: ob sein Herz sich, durch diesen Zuruf des Himmlischen, nicht gestärkt fühle? antwortete er: "Gestärkt? Nein!"—und mit einem Seufzer setzte er hinzu: "doch! doch, Mutter! Wenn ich sie werde gesehen haben!"—Die Gräfin fragt: und wirst du sie sehen? "Gewiß!" antwortet er. Wann? fragt sie. Wo?—"In der Silvesternacht, wenn das neue Jahr eintritt; da wird er mich zu ihr führen." Wer? fragt sie, Lieber; zu wem? "Der Engel", spricht er, "zu meinem Mädchen"—wendet sich und schläft ein.
Kunigunde. Geschwätz!
Rosalie. Hört sie nur weiter.—Nun?
Brigitte. Drauf in der Silvesternacht, in dem Augenblick, da eben das Jahr wechselt, hebt er sich halb vom Lager empor, starrt, als ob er eine Erscheinung hätte, ins Zimmer hinein, und, indem er mit der Hand zeigt: "Mutter! Mutter! Mutter!" spricht er. Was gibts? fragt sie. "Dort! Dort!" Wo? "Geschwind!" spricht er.—Was?—"Den Helm! Den Harnisch! Das Schwert!"—Wo willst du hin? fragt die Mutter. "Zu ihr", spricht er, "zu ihr. So! so! so!" und sinkt zurück; "Ade, Mutter ade!" streckt alle Glieder von sich, und liegt wie tot.
Kunigunde. Tot?
Rosalie. Tot, ja!
Kunigunde. Sie meint, einem Toten gleich.