ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]
In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon’s durch Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den Weiberchen, die einfältig genug sind, „sich von französischen Manieren fangen zu lassen“, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet worden als Knechte, „die ihre Pferde absträngen, um davonzujagen.“[29]
War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift’s gefaßt. Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch dar: „Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.“ Oder wie Kleist die Aufgabe stellt: „Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.“ Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: „die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.“[30]
Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt werden.
Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer hängen, er will einen Krieg
Entflammen, der in Deutschland rasselnd
Gleich einem dürren Walde um sich greifen
Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!
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Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens