Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blättern enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß, wo es darauf ankommt den Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten, wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt näher zu prüfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich für einige andere Stücke, deren Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den erforderlichen Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst auf eine etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist’s hingewiesen.

Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend als die versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und Briefen. Nur in jenen erscheint er in voller bewußter Kraft, in ihnen wird man daher den Schriftsteller studieren können, während diese vom Augenblicke eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch erregt und abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent vielleicht noch glänzender als im Drama. Könnte man einige Auswüchse beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern Handhabung der Form unabhängig sind, man würde von seinen acht Erzählungen die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten mustergültig nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung beruhen ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. Ueberall treten Personen und Verhältnisse in festen und kräftigen Umrissen, bis zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben, That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmüht viele einzelne Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung eines unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen Rückstrahl wirft, der das Ganze in neuem überraschendem Lichte erscheinen läßt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers, diesem unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Täuschung ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen Empfindungen und Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in den Reden und Handlungen der Personen findet man ihn, weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer Stimmung, unter diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus der Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit übergehen kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen zur Höhe historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und Zeiten darstellen, emporzuwachsen.

Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen läßt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt. Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft er den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote beweist, die er da und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzählung ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der „Marquise von O.“ mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber in den Ausgaben findet, selbst hin: „Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden.“[6] Wieder aber hat er diese Episode, in der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in den Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt. Ebenso hat er im „Kohlhaas“, dem „Erdbeben in Chili“, der „Verlobung in St. Domingo“ sich großen historischen Verhältnissen entweder angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft dargestellt; wie denn die erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollständiger Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns verlocken läßt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein „Kohlhaas“ bleibt trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit Haarsträuben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzählung, deren Grundzüge dem Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits, die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch mit Luther sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform könnte sie ohne Uebertreibung ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt werden.

Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, dem historischen Roman und dem, was heute dafür gelten will, sehr verschieden. Die Novellenhelden sind überwiegend Träger der Reflexion, sie kämpfen die Gegensätze nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern in dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden wähnen, werden die historischen Riesen auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie herabgedrückt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher Gestalten der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der falsche Schein historischer Kenntniß soll die Mängel der Dichtung verdecken, und schließlich verliert jede von beiden den reinen und ursprünglichen Charakter durch die Verbindung mit der anderen.

So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzählung in der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die Oberhand gewonnen hat, daß der verkehrte Versuch einer wörtlichen Uebertragung in das Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im vollsten Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden müßten, ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht aus dem Rahmen des Ganzen selbständig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein Handeln, von dem er zu erzählen hat. Es ist bemerkt worden, sein dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hörer sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen läßt.

Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen möge folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] „Der Roßhändler, dessen Wille durch den Vorfall, der sich auf dem Markt zugetragen, in der That gebrochen war, wartete auch nur, dem Rath des Großkanzlers gemäß, auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen, um ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen entgegenzukommen: doch eben diese Eröffnung zu thun, war den stolzen Rittern zu empfindlich, und schwer erbittert über die Antwort, die sie von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem Kurfürsten, der am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank wie er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht hatte.“ Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem doch, durch das sie in zwei gleich wiegende Hälften getheilt wird; jede hat zwei obere Nebensätze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nähere Begründung gegeben wird; beide schließen mit der Andeutung des Zieles ab, das erreicht werden soll. Der thatsächliche wie stilistische Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. Umsonst versucht der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren, die Rache. Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist’s Perioden sind kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen zu sein, vielgliederig ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu weitläufigen Satzgefügen überlassen darf, weil die strenge Fassung, die nichts Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt.

Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, oder über Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] „Luther, der unter Schriften und Büchern an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen Mann die Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: wer er sei und was er wolle? und der Mann, der seinen Hut ehrerbietig in der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, den er verursachen würde, erwiedert: daß er Michael Kohlhaas der Roßhändler sei; als Luther schon: „weiche fern hinweg!“ ausrief, und indem er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: „dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!“ Häufig dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die längsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze des Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der „Marquise von O.“ der Inhalt einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch ein fünfzehnmal wiederholtes daß — daß — verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich weiß nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenständlichkeit der Darstellung, an den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des Spaniers erinnert.

Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils, geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten, die um so häufiger sein können, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten. Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die Vorliebe für gewisse Bindewörter, die er gebraucht, um die Spannung des Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das unzählige Mal wiederkehrende „dergestalt daß“, das er als anschaulichere Redeweise dem nüchtern „so daß“ vorzieht. Durch alle Erzählungen läßt sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große Mühe ein Paar Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht minder häufig ist der Gebrauch von „gleichwohl“, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten Gegensatz ankündigen soll, den man mit „dennoch, dessen ungeachtet“ einleiten würde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen vorführende Redensart „nicht sobald — als“, für „kaum, in dem Augenblick als“; ebenso „inzwischen“, dann das gleichgültige oder ungeduldig abweisende „gleichviel“, das bedingende „falls“ für „wenn.“ Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem andern Fehler, dem auch die Größten verfallen sind, um so reiner erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. Fremdwörter braucht er in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht dar. Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als edel, aber sehr bezeichnend sind.

Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau der Perioden, seine Vorliebe für die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die unbewußten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob man es mit Kleist’s Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.

II.