[Königin Luise.]
Vortrag, gehalten am 10. März 1876 im Kaisersaale des Berliner Rathauses.
In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Königin, zu deren Gedächtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie eine Lichtgestalt, die den Kämpfern unseres Befreiungskrieges, den Pfad weisend, hoch in den Lüften voranschwebte. Wollte ich dieser volkstümlichen Überlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Großen wie ein Fluch an die Fersen der Mächtigen dieser Erde sich klammert, so müßte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von diesem reinen Leben zu geben, wie der Künstler sich scheut, das unvermischte Weiß auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen der historischen Wissenschaft, daß sie uns die Schranken der Begabung, die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und sie so erst unserem menschlichen Verständnis, unserer Liebe näher führt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen. Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder ernsten Seelenkämpfen wie jene starken Männer, die in Scham und Reue den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter bildeten und dem Weltbürger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf die Lippen legten, haben die schöne anmutvolle Frau, die beglückende und beglückte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet, dessen Hauch wir noch spürten in unserem jüngsten Kriege.
Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Männern war, so hat auch dieser preußische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen bis zur Herbheit männlichen Charakter behauptet. Er dankt dem liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeßliches. Am Ausgange des Dreißigjährigen Krieges blieb uns von der alten Großheit der Väter nichts mehr übrig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den Frauenhände hüteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem öffentlichen Leben aber sind die Frauen Preußens immer fern geblieben, im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs. Ganz deutsch, ganz preußisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus der langen Reihe begabter Fürstinnen, welche den Thron der Hohenzollern schmückten, hat unseren Staat regiert. Auch Königin Luise bestätigte nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward eine Macht in der Geschichte Preußens, doch nie mit einem Schritte übertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem Geschlechte setzt. Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich so wenig sagen läßt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat für den tapfersten Mann und den kühnsten Entschluß; auch einige, nur allzuwenige, schöne Briefe erzählen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der Tiefe ihres Gefühles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau, in der Persönlichkeit, in dem Adel natürlicher Hoheit, in jenem Zauber einfacher Herzensgüte, der in Ton und Blick unwillkürlich und unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mußte auch Preußen den alten Fluch besiegter Völker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwürfen wälzte sich heran wider jeden Mächtigen im Staate. Noch schroffer und schärfer hat in den leidenschaftlichen Parteikämpfen der folgenden Jahre die schonungslose Härte des norddeutschen Urteils sich gezeigt; kein namhafter Mann in Preußen, der nicht schwere Verkennung, grausamen Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der Königin blieben Verleumdung und Parteihaß ehrfürchtig stehen; nur eine Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glückes das Vorrecht der Frauen übte, mit ihrem strahlenden, glückseligen Lächeln das Kleine und Kleinste zu verklären, in den Zeiten der Not durch die Kraft ihres Glaubens die Starken stählte und die Schwachen hob. —
Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen; wir wollen ihm auch die Ehre gönnen, diese Tochter seines alten Fürstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande ihrer Väter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstädter Hofe genoß die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das Glück einer schlicht natürlichen, keineswegs sehr sorgfältigen Erziehung. Da sie heranwuchs, erzählte alle Welt von den wunderschönen mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine überschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben Specksalat aßen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen Trunk holten.
So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in Frankfurt, am Tische des Königs von Preußen, fand sie den Gatten, der ihr fortan „der beste aller Männer” blieb. An lauten Huldigungen hat es wohl noch niemals einer deutschen Fürstenbraut gefehlt; das war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrüßte. In einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das kleine Mädchen, das ihr die üblichen Hochzeitsverse hersagte, in der Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin umarmte und küßte. Die unerfahrene siebzehnjährige Frau, aufgewachsen im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem schlüpfrigen Boden dieses mächtigen Hofes, wo um den früh gealterten König ein Gewölk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle Prinz Ludwig Ferdinand sein unbändig leidenschaftliches Wesen trieb und der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand; da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Gräfin Voß. Wer kennt sie nicht, die strenge Wächterin aller Formen der Etikette, die in siebzig Jahren höfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort und den tapferen Mut sich zu bewahren wußte? Sie gab ihrer Herrin den besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen Freund und Vertrauten sich zu wählen als ihren Gemahl; und dabei blieb es bis zum Tode der Fürstin.
Für den edlen, doch früh verschüchterten und zum Trübsinn geneigten Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschätzbares Glück, daß er einmal doch herzhaft mit vollen Zügen aus dem Becher der Freude trinken, die schönste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen Mannes, lernt manche wirre Träumerei des Mädchenkopfes aufzugeben. Unablässig strebt sie „sich zur inneren Harmonie zu bilden”; ihre wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff. Etwas Liebenswürdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven Briefe an ihren alten freimütigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel bewunderte Königin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; „frägt man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit”. Sie lebt sich ein in die Geschichte des königlichen Hauses, teilt mit ihrem Gemahl die Begeisterung für Friedrich den Großen und wählt sich unter den Fürstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preußen wert gemacht, die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, die unserem evangelischen Volke das Lied „Jesus meine Zuversicht” sang. A. W. Schlegel hatte einst der einziehenden Braut zugerufen: „Du bist der goldnen Zeit Verkünderin.” Fast schien es, als sollte der Dichtergruß sich erfüllen. Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch davon zu reden wissen, schenken der guten Gräfin Voß willig Glauben, wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. März 1797 vergnüglich von der Geburt eines Prinzen erzählt und weise hinzufügt: „es ist ein prächtiger kleiner Prinz”. Wenn der Blick der glücklichen Mutter auf der dichten Schar ihrer schönen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: „Die Kinderwelt ist meine Welt!”
Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Königin auch die entlegenen Provinzen des Staates kennen; überall, selbst bei den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang wie einst in der Hauptstadt. Sie war stets bereit, für den schweigsamen König das Wort zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die Staatsgeschäfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schönen Königin lebte. Als ich vor Jahren auf die Kösseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzählte der Führer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem König und der Königin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen Punkte auf dem Querschnitt des weißen Stengels und meinte stolz: das sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur hier auf den alten preußischen Fichtelbergen.
Überall in Preußen war die junge Fürstin behaglicher Ruhe, warmer Anhänglichkeit begegnet, überall schien das Volk von der alten Ordnung befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzuge: „von Freiheit schwatze wer da mag”, der Preuße finde in dem geliebten Königspaare sein höchstes Glück. Und doch schwankte der Staat, der so sicher schien, längst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen. Kein Zeitraum der preußischen Geschichte liegt so tief im Dunkel, wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms III. Das furchtbare Unglück und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren breiten Schatten über diese stille Zeit geworfen; niemand bemüht sich, sie zu durchforschen. Man schließt aus den schweren Gebrechen, welche der Tag von Jena bloßlegte, kurzerhand zurück und verdammt den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung. Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blücher, allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits in hohen Ämtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher dem niedergeworfenen Staate neue Stärke brachten, die Befreiung des Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universität Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet worden. Der König betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem Abscheu des ehrlichen Mannes, doch über den berechtigten Kern der furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu, ganz unberührt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein König der Bettler sein nach der Überlieferung seines Hauses. „Er ist Demokrat auf seine Weise — sagte einer seiner Minister zu dem französischen Gesandten Otto: — er wird die Revolution, die ihr von unten nach oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchführen; er arbeitet ohne Unterlaß, die Vorrechte des Adels zu beschränken, aber durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte mehr in Preußen geben.” Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwürfe kam zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemütern. Die Keime frischen jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermögen die Decke nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen Kräften, trägt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir alle aus der kahlen Nüchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Münze und ähnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb bei bedachtsam schüchternen Vorbereitungen, die kaum für Tage tiefen Friedens genügten. Und währenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen, auf rollenden Rädern stürmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt warf die Grenzen aller Länder durcheinander, erhob auf den Trümmern der alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preußische Staat verlor den Boden unter seinen Füßen; das Deutsche Reich kam ins Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Südwestens, Preußens altes Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu größeren Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen ihr Land den preußischen Werbern.
Wie war es möglich, daß in diesem scharf urteilenden, bis zur Tadelsucht freimütigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preußen allein unwandelbar bleiben könne in diesem großen Wandel der Zeiten? Die Königin, die so oft das rechte Wort zu finden wußte, hat auch hier die zutreffende Antwort gegeben: „Wir waren eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen.” Die Größe der fridericianischen Tage lastete lähmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der großen Mächte, war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen; noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den verachteten französischen „Katzenköpfen” ihre Überlegenheit gezeigt. Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem Schutze der preußischen Waffen blühten Handel und Wandel, die deutsche Dichtung sah ihre schönsten Tage. Dem Könige schien es ein Frevel, so vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, daß die vielen kleinen Siege der rheinischen Feldzüge am Ende nur zu einer politischen Niederlage geführt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen fordere? — dann traten ihm die alten Generale, die noch die Kränze der fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit überlegener Sicherheit entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen.