Den letzten Grund aber dieses tiefgreifenden Unterschieds zwischen Uhland und der Schlegel-Tieckschen Richtung verstehen wir erst, wenn wir erkennen: in Uhland lebte ein tief sittlicher, tatkräftiger Ernst, der die tatlose, ironische Weltanschauung der Romantik schlechthin verwarf. Solchem sittlichen Pathos hatte einst Schiller die Liebe des Volkes verdankt, obwohl er sehr selten volkstümliche Stoffe besang. Denn mit unfehlbarer Sicherheit empfindet das Volk — unter den Germanen mindestens —, ob ein Künstler mit seinen Bildern bloß geistreich spielt oder ob er sein Herzblut ausströmen läßt in seine Gedichte, und noch hat niemand durch ein feines Spiel sich des Volkes Herz erobert. In der Form allerdings hat Schillers hochpathetische Weise nicht das mindeste gemein mit dem naiven, einfachen Wesen der Uhlandschen Dichtung, das der Weise Bürgers und Goethes weit näher steht. Schillers Geist aber, sein sittlicher Ernst, seine kühne Richtung auf die Gegenwart und ihr öffentliches Leben, ward in Uhland und den Sängern der Freiheitskriege aufs neue lebendig. Darum ward Uhland durch seine romantischen Neigungen nicht gehindert, in der Wissenschaft ein nüchterner methodischer Forscher, im Leben ein Verfechter des modernen Staatsgedankens zu sein. Mit sicherem Takte wußte er Leben und Dichtung auseinanderzuhalten, und jeder mystischen Liebhaberei der romantischen Genossen stellte er seinen derben protestantischen Unglauben gegenüber. Wenn Justinus Kerner von dem „Geiste der Mitternacht” erzählte, dann lachte Uhland, dann war er selber „der Zechgesell, der keinem glaubt”. Und wurde er ja einmal durch eine Erzählung von geheimnisvollen Naturwundern zum Liede begeistert, wie schön wußte er dann seinen Stoff aus dem trüben dumpfen Traumleben in eine freiere durchgeistigte Luft zu erheben! Als ihm berichtet ward von dem Mädchen, das im Mohnfelde schlief und, erwacht, mitten im lauten Leben weiter träumte, so ward ihm dies ein Anlaß, das Schlafwandeln des Dichters zu schildern, dem das Leben zum Bilde, das Wirkliche zum Traume wird:

O Mohn der Dichtung, wehe
Ums Haupt mir immerdar!

In unseren nüchternen Tagen vermag auch ein flacher Kopf die Schwächen der Romantik leicht zu durchschauen, und oft vergessen wir, wie tief wir in ihrer Schuld stehen. Jene geistig hoch erregten Tage durften sich, nach Immermanns wahrem Geständnis, einer Dichtigkeit des Daseins rühmen, die unserem schnell lebenden, unruhig nach außen wirkenden Geschlechte verloren ist. Noch war die Welt von Schönheit trunken, noch galt ein edles Gedicht als ein Ereignis, das tausend Herzen froh bewegte, und auch die Häupter der romantischen Schule umstrahlt noch etwas von dem Glanze der glückseligen Zeit von Weimar, „wo der bekränzte Liebling der Kamönen der innern Welt geweihte Glut ergoß”. Aber eine Dichterschule kann durch eine Fülle neuer Gedanken und Anschauungen, die sie in das Volk warf, die Nation zum bleibenden Danke verpflichten und dennoch an echten Kunstwerken sehr arm sein. Stellte nun einer die Frage: Welche Kunstwerke der romantischen Epoche sind nicht bloß historisch wichtig durch die Anregung, die sie unserem Volksgeiste gaben, sondern in sich vollendet und unsterblich? — so würde ein ganz schonungsloses Urteil doch nur die Antwort finden: einige meisterhafte Übertragungen und Nachbildungen fremdländischer Dichtung und — die lyrischen Gedichte Uhlands und einiger ihm verwandter Sänger.

Als Chamisso in Paris im Jahre 1810 den dreiundzwanzigjährigen Uhland kennen lernte, schrieb er mit seiner liebenswürdigen Laune einem Freunde: „Es gibt vortreffliche Gedichte, die jeder schreibt und keiner liest; doch hier ist einer, der macht Gedichte, die keiner schreibt und jeder liest.” Und langsam, aber einmütiger von Jahr zu Jahr, begann die Nation in das Lob einzustimmen, als fünf Jahre später die „Gedichte” erschienen waren. Den Weg zum Herzen seines Volkes hat der Dichter zuerst gefunden durch jene Lieder, welche der Weise des alten Volksliedes so treu, so naiv nachgebildet waren, wie es vordem nur Goethe verstanden. Er hat zuerst in weiteren Kreisen das Verständnis wieder erweckt für diese volkstümlichen Klänge, und wenn Eichendorff und Wilhelm Müller selbständig, unabhängig von Uhland ihr lyrisches Talent bildeten, so danken sie ihm doch, daß das Volk ihren Liedern froh bewegt lauschte. Schien es doch, als wäre die unselige Kluft wieder überbrückt, die heute die Gebildeten und die Ungebildeten unseres Volkes scheidet, als tönte der Gesang, von namenlosen fahrenden Schülern erfunden, unmittelbar aus der Seele des Volkes heraus. Unwillkürlich fragte der Hörer, ob nicht am Schlusse des Sanges ein Vers hinweggefallen sei, das alte treuherzige:

Der uns dies neue Liedlein sang,
Gar schön hat er gesungen;
Er trinkt viel lieber den kühlen Wein
Als Wasser aus dem Brunnen.

Der Gesang ist heute, wie zur Zeit der italienischen Renaissance die Redekunst, die geselligste der Künste. Das arme Volk liest wenig, am wenigsten Gedichte; fast allein durch den Gesang wird ihm das Tor geöffnet zu der Schatzkammer deutscher Poesie. An Kunstwert stehen Uhlands erzählende Gedichte seinen Liedern ohne Zweifel gleich; aber die Bedeutung des Mannes für die Gesittung unseres Volkes beruht vornehmlich auf den Liedern. Sie haben dem Sänger den schönsten Nachruhm gebracht, der dem lyrischen Dichter beschieden ist. Sie leben in ihrer leichten sangbaren Form im Munde von Tausenden, die seinen Namen nie gehört, sie klingen wider, wo immer Deutsche fröhlich in die Weite ziehen oder zum heiteren Gelage sich scharen. Es war eine Stunde seliger Genugtuung, als er einmal auf der Wanderung durch die Hardt in den Klostertrümmern von Limburg unerkannt rastete und seine eignen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, durch das Gewölbe schallten. Alle die hoffnungsvollen Anfänge freier, volkstümlicher Geselligkeit, welche heute das Nahen einer menschlicheren Gesittung verkünden, alle die fröhlichen Fahrten und Feste unserer Sänger und Turner und Schützen danken einen guten Teil ihres poetischen Reizes dem schwäbischen Sänger; kein Wunder, daß er selber sich an solcher Volksfreude nicht satt sehen konnte. Fast deucht uns ein Märchen, daß es einst eine Zeit gegeben, wo am Beiwachtfeuer deutscher Soldaten das Lied noch nicht erklang: „Ich hatt’ einen Kameraden”, daß einst deutsche Handwerksburschen über den Rhein gezogen sind, die noch nicht sangen von den „drei Burschen”.

Doch sehen wir näher zu, so finden wir auch in dem einfachsten dieser Lieder einen entscheidenden Zug — eine kunstvolle Steigerung, einen schlagenden Abschluß —, der das Gedicht alsbald auf die Höhe der Kunstpoesie erhebt und mit so großer Innigkeit und Frische den durchgebildeten Verstand des Künstlers gepaart zeigt. Demselben Lehrer, dem deutschen Volksliede, hat Uhland auch die Kunst der gemütlich bewegten Erzählung abgesehen. Er vermag es, einen kleinen anekdotenhaften Zug mit so viel schalkhafter Anmut zu einer Ballade zu erweitern, wie vor ihm wieder nur Goethe. Sein Eigenstes und Schönstes schuf er in der erzählenden Dichtung dann, wenn er sich ein Herz faßte und die trotzige, reckenhafte Kraft der deutschen Heldenzeit derb und mit Laune darstellte, wie in den Rolandsliedern, wohl seinen besten Balladen. Und wie das Volkslied nicht in die Grenzen eines Landes gebannt bleibt, sondern der Sang von Liebeslust und -leid, von Heldenzorn und Heldentod durch alle Völker wandert und in der Fremde sich umbildet, so hat auch Uhland sein deutsches Wesen nicht verleugnet, wenn er fremdländische Sagenstoffe besang. Sein Gesichtskreis umfaßte das gesamte Altertum der christlich-germanischen Völker; nur sehr selten hat ihn ein Bild der antiken Gesittung zum Liede begeistert, und gänzlich fern lag seinem deutschen Gemüte die Sagenwelt des Orientes, wie sehr sie auch den Meister der Form verlocken mochte. Sehr tief hatte er sich eingelebt in den Geist der südländischen Sänger des Mittelalters: durch das liebliche Gedicht „Ritter Paris” weht ein Hauch schalkhafter Grazie, darum ihn jeder Troubadour beneiden könnte. Fast scheint es, wenn Uhland die Mären der liederfreudigen Provence nachdichtet, als singe hier wirklich ein alter Südfranzose, als erfülle sich die wehmütige Verheißung des modernen provençalischen Dichters: O moun pais, bello Prouvenço, toun dous parla pou pas mouri. Und doch ist dies nur ein Schein: aus Uhlands südländischen Gedichten so gut wie aus seinen angelsächsischen und nordfranzösischen Balladen weht uns heimatliche Luft entgegen, er behandelt diese fremden Stoffe mit der gemütlichen Innigkeit und in der tief bewegten Weise der Germanen, nicht mit der feierlichen Grandezza und dem rhetorischen Pathos südlicher Romanzen.

Nicht immer freilich ist ihm dies gelungen. Oft nahm er aus den romanischen Stoffen auch legendenhafte Wundergeschichten mit herüber, die den modernen Hörer kalt lassen, oder häßlich phantastische Züge: — so steht in dem schönen Zyklus „Sängerliebe” fremd und verletzend die Romanze von dem Kastellan von Couci, dessen Herz von seiner Geliebten verspeist wird. Manchmal — was uns noch mehr abstößt — schleichen sich mit den fremden Bildern auch fremde Empfindungen in seine Seele. Vor dem Bilde des „Wallers” oder der trauernden Nonne, die entsagt und betet „bis ihre Augenlider im Tode fielen zu”, steht der gesunde Sinn der modernen Deutschen befremdet still: was gilt sie uns, diese zugleich schwächliche und überschwengliche Empfindung der Vorzeit der Romanen? Ja sogar unter den Balladen, die auf deutschem Boden spielen, finden sich neben vielen ursprünglichen Schilderungen deutscher Kraft und deutscher Laune doch auch einige sentimentale Gedichte von sehnsüchtigen Mädchen und trauernden Königen, die uns kein festes Bild hinterlassen. Desgleichen, wenn wir an seinen Liedern das innige Naturgefühl und die tief bewegte Stimmung bewundern, so scheinen uns doch einzelne inhaltslos, wir wünschten, der Dichter hätte nicht bloß sein bewegtes Herz, sondern sein reiches Herz gezeigt. Solche Mängel mochte Goethe im Auge haben, wenn er in Augenblicken übler Laune sehr hart und bitter von der Uhlandschen Dichtung sprach. Doch all diesen Schwächen hat der Dichter selber die beste Verteidigung geschrieben:

Scheint euch dennoch Manches kleinlich,
Nehmt’s als Zeichen jener Zeit,
Die so drückend und so peinlich
Alles Leben eingeschneit.

Uns freilich, unserem derben historischen Realismus fällt es leicht zu erkennen, wann Uhland die harten, barocken Züge unserer Vorzeit verwischt hat. Wir lächeln, wenn uns in Erzählungen aus dem Mittelalter, dieser treulosesten aller Zeiten, von deutscher Treue überschwenglich geredet wird, und seit die fortschreitende Kultur das Haar unserer Mädchen gebräunt hat, fällt uns die ausschließliche Begeisterung für blondes Haar und blaue Augen so schwer, wie die übermäßige Freude an den Rosen und Gelbveigelein. Aber frage sich jeder, ob auch das Unsterbliche in Uhlands Gedichten geschaffen werden konnte von einem Dichter, der minder treuherzig für das biderbe Mittelalter schwärmte, der weniger unbefangen sich begeisterte für „Jugend, Frühling, Festpokal, Mädchen in der holden Blüte”? In unseren rauheren Tagen geht auch der Jugend diese naive Schwärmerei sehr rasch verloren, doch darum mangelt auch unseren neuen Lyrikern die Jugendfrische, die herzbewegende Innigkeit des alten Sängers. Und wie verschwindend gering ist doch die Zahl jener Gedichte, welche auch Uhland angekränkelt zeigen von der unklaren Gefühlsseligkeit seiner Zeit! Nur Heinrich Heines Gehässigkeit konnte aus dem Liede: „Ade, du Schäfer mein” den Grundton der Uhlandschen Dichtung heraushören. Neben dies eine Lied — beiläufig eines seiner allerfrühesten Jugendgedichte — stellen sich hundert andere voll mannhafter Kraft und unverwüstlicher Lebenslust.