Hochansehnliche Versammlung!
Mancher unter Ihnen hat vor einigen Wochen auf der Höhe des Niederwaldes gestanden, als unser greiser Kaiser das Bild der schwertumgürteten Germania enthüllen ließ, und dort das Glück genossen, mit allen Landsleuten von nah und fern das eine Gefühl dankbarer Freude zu teilen. Jahrhundertelang ist uns Deutschen dieser Einmut froher, neidloser Erinnerung, der zum Leben gesunder Völker gehört, versagt geblieben; denn jene Siege, die uns die neue Einheit unseres Reiches schufen, waren selber seit unvordenklicher Zeit die erste gemeinsame große Tat, zu der sich die ganze Nation in schönem Wetteifer zusammenfand. Wohl ist sie ruhmvoll, die Geschichte dieses Volkes, das so oft schon dem Weltteil den ersten Mann des Jahrhunderts geschenkt, so oft in den Kämpfen Europas das erweckende oder das versöhnende Wort gesprochen hat; doch fast alle ihre großen Namen waren in das Gewirr der Gegensätze, die unser inneres Leben zerrütteten, so tief verflochten, daß sie noch heute breiten Schichten des Volkes unverständlich bleiben und ihnen nur als die Vorkämpfer eines Stammes, einer Partei, eines Glaubensbekenntnisses, nicht schlechtweg als deutsche Helden erscheinen. Wir haben im achtzehnten Jahrhundert den letzten und größten Vertreter des alten unbeschränkten Königtums unter uns walten sehen, und seit seine Saat in Halme schoß, beginnen die Einsichtigen zu fühlen, daß er für Deutschland focht, als er gegen Österreich und das heilige Reich seine Schlachten schlug; dennoch wird König Friedrich, gleich seinem Ahnen, dem großen Kurfürsten, immer zunächst der Liebling seiner Preußen bleiben und der Masse der Oberdeutschen niemals ganz vertraut werden. Wir haben ein Jahrhundert zuvor durch einen greuelvollen Krieg der europäischen Welt die kirchliche Duldung gesichert, aber der Sieg ward um einen furchtbaren Preis, durch die Verwüstung unserer alten Kultur, erkauft, und der Held, der sich von jener finsteren Zeit als die beinahe einzige lichte Gestalt abhebt, Gustav Adolf, war ein Fremder; selbst seine Bewunderer können nicht leugnen, daß seine Siegeslaufbahn zu unserem Heile frühzeitig endete, eben in dem Augenblicke, da seine Macht unserem Vaterlande verderblich zu werden begann.
So ist denn auch die Gedächtnisfeier, zu der sich in dieser Woche unser protestantisches Volk überall gehobenen Herzens versammelt, leider nicht ein Fest aller Deutschen. Millionen unserer Landsleute stehen teilnahmslos oder grollend abseits; sie wollen, sie können nicht begreifen, daß der Reformator unserer Kirche der gesamten deutschen Nation die Bahnen einer freieren Gesittung gebrochen hat, daß wir in Staat und Gesellschaft, in Haus und Wissenschaft, überall noch den Atem seines Geistes spüren. Wer über ihn redet, der muß bekennen, wie er sich selber zu den großen sittlichen Aufgaben der Gegenwart stellt. Leidenschaftlich, als stünde der Reformator noch mitten unter uns, erklingen die Anklagen derer, die seine Größe nicht zu fassen vermögen.
Schon bei seinen Lebzeiten ist Martin Luther dem tragischen Geschick der Verkennung, das keinem großen Manne und am wenigsten dem Kämpfer erspart bleibt, nicht entgangen. In den hoffnungsreichen ersten Jahren seines öffentlichen Wirkens begrüßte ihn die Nation mit einer stürmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband und dann kühn und kühner, fortgerissen von der zwingenden Macht des freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne der alten Kirche zum erklärten Ketzer ward, als er die Bannbulle des Papstes in das Feuer warf und in dem flammenden Aufruf „An den christlichen Adel deutscher Nation” seine Deutschen aufforderte zur Reform der Kirche und des Reiches an Haupt und Gliedern: da stand er vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr Volksheiliger, der streitbare Michael; da jubelte das Volkslied: „Zu Worms er sich erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind’ hat er geschweiget, keiner durft’ ihn wenden an”; da schien es wirklich, als sollten alle die elementarischen Kräfte, die in der tief erregten Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemüter, der Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalhaß des ritterlichen Adels wider die welschen Prälaten, der Groll der mißhandelten Bauern, sich zu einem mächtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles römische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen. Aber noch war unsere deutsche Königskrone fest verkettet mit der weltumspannenden Politik des römischen Kaisertums. Einen Zufall dürfen wir es nicht nennen, daß in jenem verhängnisvollen Augenblick ein Fremdling unsere Krone trug, der unseres Herzens Schlag nicht hören konnte und, während die Deutschen dem lauten Freimut ihres Landsmannes zujauchzten, verächtlich lächelnd sprach: der soll mich nicht zum Ketzer machen.
Sobald der Kaiser dem Rufe der Nation sich versagte, stand nicht bloß die politische Macht des spanischen Weltreichs wider den Reformator, sondern auch eine gewaltige sittliche Macht, die feste Kaisertreue unseres Volkes. Und nun trat auch die alte Todsünde unserer Geschichte, der Haß der Stände, wieder hervor. Die Ritterschaft vergeudete ihren ungestümen Tatendrang in einer ziellosen, unglücklichen Fehde. Die Bauern nahmen die Lehre der evangelischen Freiheit fleischlich auf und erhoben sich zu einem wütenden sozialen Kampfe. Luther aber meinte seine heilige Sache geschändet und ließ die Gecken, die das Evangelium mit Hammern und mit Zangen in den Kisten suchten, die ganze Wucht seines Zornes empfinden. Als der gräßliche Aufruhr durch die unbarmherzigen Herren gräßlicher bestraft war, da sah sich der Mann, den sein Volk soeben auf den Schild gehoben, mit den Verwünschungen der kleinen Leute beladen. Mittlerweile hatte sich auch der erste Gelehrte des Jahrhunderts, Erasmus, von den Wittenbergern abgewendet; auch Luthers Lehrer, Staupitz, der sinnige Mystiker, auch die geistreichen Humanisten Crotus Rubianus und Eobanus Hessus traten erschrocken zurück. Mit ihrem Abfall war entschieden, daß die neue Lehre selbst unter den Höchstgebildeten der Nation vorerst noch nicht überall Anklang finden konnte, und da sie mit der Selbständigkeit des Denkens auch den trotzigen Eigensinn des deutschen Charakters entfesselte, so verfielen ihre Anhänger bald einer gefährlichen Zersplitterung: zuchtlose Schwarmgeisterei und dogmatischer Streit schwächten ihre Einheit.
Also von allen Seiten bedrängt und verlassen suchte Luther seine Zuflucht bei dem deutschen Fürstenstande. Noch immer reich an Erfolgen, waren seine letzten Jahre noch reicher an schmerzlichen Enttäuschungen. Er hatte einst gehofft, in der gesamten Christenheit oder mindestens in seiner deutschen Nation das kirchliche Leben zu verjüngen. Nun mußte es ihm genügen, daß nach und nach in den größeren weltlichen Fürstentümern Deutschlands kleine evangelische Landeskirchen entstanden; und wer in der Geschichte nur die Erscheinungen des Tages obenhin betrachtet, mag es leicht eine glückliche Fügung nennen, daß der durch übermenschliche Arbeit früh Gealterte aus diesem Leben hinweggerufen wurde, unmittelbar bevor die deutschen Protestanten im Schmalkaldischen Kriege durch Hader und planlose Schwäche den Waffen der Fremdherrschaft schimpflich erlagen. Ja während sonst das Bild der geschiedenen Helden sich im Gedächtnis der Völker zu verklären pflegt, erschien Luther den Nachlebenden kleiner, als er gewesen. In jenen müden Jahrzehnten der politischen Tatenscheu und des theologischen Gezänks, welche den lichten Tagen der deutschen Reformation folgten, formte sich ein kleines Geschlecht die Gestalt des Reformators nach seinem eigenen Bilde, als wäre er auch nur ein bibelfester Prediger und ehrsamer Hausvater gewesen, als hätte er wirklich nur eine Sonderkirche, die sich nach dem Namen eines sündhaften Menschen nannte, stiften wollen. Erst die historische Wissenschaft unseres Jahrhunderts hat sich wieder das Herz gefaßt, den ganzen Luther zu verstehen, den zentralen Menschen, in dessen Seele fast alle die neuen Gedanken eines reichen Jahrhunderts mächtig widertönten; sie steht ihm fern genug, um auch die mittelbaren Folgen seines zerstörenden und aufbauenden Wirkens zu würdigen, um alle die Keime einer neuen Kultur, die er ahnungslos, nach der Weise des Genius, in den deutschen Boden senkte, wahrzunehmen und dankbar zu erkennen, wie treu er sein Wort erfüllt hat: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen”. —
Im deutschen Gemüte lag von jeher dicht neben der hellen Weltlust ein beschaulicher Ernst, der die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge schmerzlich empfand, neben der wagenden Tapferkeit eine tiefe Sehnsucht nach Erlösung von dem Fluche der Sünde. Die Germanen allein unter allen Völkern Westeuropas haben schon in den Tagen ihres Heidentums etwas geahnt von dem dereinstigen Untergange dieses frevelnden Geschlechts, von einer neuen Welt der Reinheit und der Klarheit, die da kommen solle. In einem solchen Volke mußte die frohe Botschaft aus Jerusalem bereite Herzen finden, und wie andächtig, wie innig die Deutschen den neuen Glauben aufnahmen, das erzählen die Wunderbauten unserer alten Dome. Gleichwohl hatte die christliche Lehre, als sie bei uns eindrang, bereits in Rom eine Gestalt angenommen, welche dem deutschen Volke niemals ganz vertraut werden konnte. Diesseits und Jenseits, alle Zeiten und alle Völker erschienen eingeschlossen in der einen großen Gemeinschaft der Heiligen, welche die streitende Kirche hienieden mit der leidenden Kirche der armen Seelen im Fegefeuer und der triumphierenden Kirche der Seligen droben im Himmel verband. Aus dem Gnadenschatze der guten Werke der Heiligen spendete die Kirche ihren Gläubigen die Vergebung der Sünden durch den Mund eines herrschenden Priesterstandes, der durch die geistige Zeugung der Weihe befähigt war, Brot und Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln. Außer ihr war kein Heil; von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis zur letzten Ölung umfing und heiligte sie das Leben jedes Christen. Es war ein wunderbarer großer Gedankenbau; lange Jahrhunderte hindurch hatten die Weisheit und die Andacht so vieler heiliger Männer und eine seltene Kunst der Menschenbeherrschung daran gebaut; festgefügt stand Stein auf Stein, die unerbittliche Folgerichtigkeit dieser Lehre ließ dem Christen nur die Wahl zwischen der Unterwerfung und der Ketzerei. Doch die scharfe Logik der Romanen hat dem deutschen Geiste niemals ganz genügt; nicht so von außen her, nicht allein durch die Gnadenmittel der Kirche und durch vorgeschriebene gute Werke konnte das rege Gewissen unseres Volkes seinen Frieden finden. Schon im vierzehnten Jahrhundert erdröhnte das deutsche Land von den Kyrieleis-Rufen der Geißler, und immer lauter, immer verzweifelter, fast so herzzerreißend wie in den Anfängen der christlichen Geschichte, erklang seitdem der Aufschrei der sündigen Kreatur nach Versöhnung mit ihrem Schöpfer.
Zugleich ward auch der kampfmutige Weltsinn der Deutschen an den Lehren der alten Kirche irr. So viele Kränze des Ruhmes, so viele edle Freuden bot diese schöne Erde dem tatkräftigen Manne; und das alles sollte nichts gelten neben der höheren Heiligkeit der begebenen Menschen, der Priester und der Mönche, die auf alles verzichteten, was Menschen menschlich aneinander bindet, die mit dem holden Glück auch die heiligen Pflichten des ehelichen Lebens verschmähten! Kummervoll sann der größte Dichter unseres Mittelalters, Walther von der Vogelweide, diesem dunklen Rätsel nach und klagte:
Ach leider kann es nimmer sein,
Daß Gottes Gnade kehre
Mit Reichtum und mit Ehre
Je wieder in dasselbe Herz.
Und dieser Priesterstand, der sich so unnahbar hoch über die gehorchende Gemeinde erhob, der alle weltliche Arbeit so tief verachtete, war selber längst einer schamlosen Weltlust verfallen, die ihn den Weltlichen als ein Heuchlergezücht erscheinen ließ. Er besaß das reichste Drittel Deutschlands, gab auf den Reichstagen durch seine Überzahl den Ausschlag, und seine politische Macht ward von den Deutschen als Fremdherrschaft empfunden; denn in der Kirche regierte der Papst mit seinen italienischen Prälaten, und alle die Fülle von Geist, Witz und Bildung, die sich in dem Lügenstübchen des Vatikans gesellig zusammenfand, alle die Meisterwerke des Meißels und des Pinsels, die in der Sonne päpstlicher Gnade reiften, konnten unser Volk doch nicht darüber trösten, daß die Herrscherin der Christenheit die ruchloseste Stadt der Erde war. Vergeblich hatten die Deutschen, allen anderen Nationen voran, auf den Konzilien des fünfzehnten Jahrhunderts die Schäden der Kirche zu bessern versucht. Als Luther auftrat, war die Nation in unheimlicher Gärung, von widersprechenden Gefühlen stürmisch bewegt: hier die Gewissensangst der Frommen, die über ihre Sünden und guten Werke peinlich Buch führten und mit heiligem Schauer die volkstümlichen Bilder des Totentanzes betrachteten; dort der kecke Übermut eines sinnenkräftigen, lebenslustigen Geschlechts, das der derben Schwänke nicht satt ward und sich dreist spottend an dem Zerrbild der verkehrten Welt erfreute; dazu allen Deutschen gemein der Haß gegen das welsche Wesen.