Frl. v. Gülden. (lächelnd) haben Sie also schon — —

Louise. O schon so oft geliebt, daß ich meine Eroberungen und Amouretten nicht mehr zählen kann. Ich bin doch wenigstens achtzehn Jahr alt, und — wie mir mein Spiegel sagt, auch nicht häßlich, folglich. — — Doch sag mir, Kindchen, räthst du mir diesmal zu?

Frl. v. Gülden. Zu lieben? warum nicht? denn unglüklich, ungeliebt werden Sie nicht sein, und ich kenne kaum eine angenehmere Stimmung der Seele; als eine solches — Ich hatte vor Jahr und Tag einen jungen Freund, — Freund, nicht Geliebten — es war eine herrliche Seele, gut, unbefangen und zärtlich. Der liebenswürdige Gustaf war vierzehn Jahr alt; die Knospe der Jünglingsschönheit brach izt schon auf bei ihm; ich sahe ihn gern und der Knabe mich; ihm war nur wohl, wenn er mich sahe, meine Hand drükken durfte. O, Prinzessin, ich gewann ihn lieb, und kann ihn noch izt nicht vergessen.

Louise. Erzähle doch weiter; ich lasse mir gern von Liebe und Liebenden vorplaudern.

Frl. v. Gülden. Jene Zeit war die glüklichste meines Lebens, ob ich gleich Stunden hatte, wo er mir fehlte, wo ich traurig umher wandelte, wohl gar heimlich weinte. Aber eine solche Thräne, die damals von mir verweint wurde, gewährte mir mehr Wollust, als die rauschende Freude eines Balls. Wenn ich in stillen Sommerabenden unter den Linden lag, vor dem Landschlosse meinen Vaters, und der schlanke Gustaf allein neben mir sas und mit meinen Schleifen tändelte, oder mit meiner Hand, wie mirs da so wohl war! dann schlang ich wohl meine Arme um seinen Leib, drükte ihn heftig an mich und küßte seine blühenden Wangen — oft glaubte ich mich in diesen Küssen satt zu schwelgen, aber meine Sehnsucht forderte noch immer und war nie gestillt.

Louise. Und das nennst Du Freundschaft, Augusta? dann mögt’ ich doch in aller Welt wissen, was Du Liebe nenntest?

Frl. v. Gülden. Ich habe schon gesagt, Gustaf war erst vierzehn Jahr alt, — zu jung um zu lieben und Gegenstand der Liebe zu sein. Und nennen Sie es immerhin Liebe; so wars die unschuldigste, reinste, die man je gekannt bat. Ich liebte Gustafen, bewunderte den schönen Knaben, und hegte zugleich eine gewisse Ehrfurcht vor ihm, die sich nicht beschreiben läßt. — Einst saß er am Abhang eines Hügels neben mir, beim Sonnenuntergange. Er sprach viel Angenehmes, ich schwieg, aber meine Gedanken antworteten ihm. Ich wollte mich einmal böse stellen, und wußte nicht warum? vielleicht daß ich ihn gern schmeicheln sehn wollte. Die gute Seele ließ sich täuschen, er glaubte daß ich auf ihn zürne, und sah betrübt vor sich nieder. Nach einem langen Schweigen, da ich schon meine Verstellung zu bereuen anfing, sah er endlich zu mir auf — eine Thräne schwamm in seinem Auge, die untergehende Sonne in ihr — sein Antliz glänzte in der Abendröthe, — es war eine Verklärung. „Du bist böse, Auguste?“ fragte er mit der Stimme einen Engels und ich schauerte froh und beklommen zusammen: „bin nicht böse!“ gab ich zur Antwort, aber wagte es nicht ihn zu küssen. Ich schien mir eine Sünderin neben einem Geliebten Gottes.

Louise. (lächelnd) Du Schwärmerin!

Frl. v. Gülden. Bald darauf wurde Gustaf krank, sehr krank. Ich saß an seinem Lager und sah ihn verwelken. — O, Prinzessin, er war noch immer schön; selbst als er so blaß da lag, und sein Blik nur matt an dem Meinen hing. Aber es jammerte mich — ich weinte viel, sehr viel, nur an seinem Bette lächelte ich. — Er küßte mich einst, und in dem Kusse entfloh sein Geist —

Louise. Arme Auguste!