Duur war noch in mehreren Nächten bei Louisen glüklich, ohne daß der Hof etwas davon erfuhr; und um sich dieser Liebe ganz würdig, seinem Herzog sich immer werther, beim Volke sich immer beliebter zu machen, unternahm er izt eine für das ganze Land interessante Arbeit; nemlich Druk- und Denkfreiheit einzuführen.
So lange der Minister von Hello am Staatsruder gesessen hatte, durfte kein Buchhändler es wagen aufklärende Schriften über Religion und Staat zu verlegen, kein Prediger auf seinem heiligen Lehrstuhl nur auf gute Werke und rechtschafnen Lebenswandel dringen, ohne den alten, theologischen Wort- und Sach-Schlendrian beizubehalten, keine öffentliche Schulanstalt eine Reformazion in Rüksicht des Unterrichts, der Bildung jugendlicher Herzen, und äussern Sitten vornehmen. Ja, mancher ehrliche Mann, der hier zum Besten seiner Untergebnen, dies und das geändert hatte oder geändert wissen wollte, verlor durch Hello’s Orthodoxie Amt und Brod und Ehre.
Der Graf unterfing sich vieles, besonders da er den Geheimerathspräsidenten schlechterdings wider sich hatte; allein da er das Herz des Fürsten in seiner Hand trug, hofte er mit leichter Mühe durchzudringen, und er freute sich schon im Stillen dieser guten That.
Allein ehe wir ihn zu diesem Werke begleiten, wollen wir vorher Theilnehmer an einer großen Freude in dem ländlichen Wohnsiz des alten Grafen von Duur sein.
Dieser sowohl als sein Rikchen versüßten sich die Tage ihrer Einsamkeit wechselsweis, so sehr sie es vermogten. — Holder wurde noch eben so warm und so innig geliebt, als ehmals, aber sein Verlust doch minder betrauert. In der Dämmerungsstunde des Abends, wenn beide entweder in ihrem Zimmer saßen, und von den kleinen Tagsgeschäften ausruhten, oder den Sonnenuntergang von einem Hügel beschauten, oder wenn sie am Kaffetische beisammen waren, erzählten sie sich einander von dem geliebten Sonderling; jeder kleine Umstand von ihm war ihnen merkwürdiger, als der Untergang eines großen Staates; jedes Wort, was er einmal gesprochen hatte, wurde von ihnen mit freundschaftlichen Anmerkungen wiederholt; jede Handlung von ihm war der Stof eines stundenlangen Gesprächs.
Wie die Reliquien eines Heiligen verwahrte Rikchen alles, was von Holdern herrührte, alles, dessen er sich sonst vorzüglich bedient hatte. — Sie erinnerte sich, daß er seinen Kaffe gern ungezukkert trank; flugs ahmte sie ihm nach, so schwer es ihr anfangs auch wurde, und zulezt glaubte sie selber festiglich, daß das ungesüßte Levantegetränk süßer schmekte.
Auch Florentins Glük am Hofe machte sie froh, und der alte, gute Onkel bildete sich vorzüglich viel auf seinen weit über ihn erhabnen Neffen ein. Der ganze benachbarte Landadel suchte izt die Freundschaft des gutmüthigen Alten, keine Lustparthie wurde angestellt, von welcher nicht er und seine schöne Nichte Theilnehmer waren. Allenthalben räumte man ihm die erste Stelle ein; sprach er, so schwiegen die übrigen und hörten ihm zu.
„Onkel! Onkel! ein Brief!“ rief Friedrike eines Tage überaus freudig, indem sie in den Garten hereinhüpfte, wo der alte Herr sein Pfeifchen unter einer Jasminlaube dampfte.
Der Greis lächelte sanft und fragte: „worüber freust Du Dich, närrsches Mädchen?“
„Ich weis es nicht; mir ist so wohl!“ antwortete sie und flog den Garten wieder hinaus dem Postboten zu bezahlen und etwas gütlich zu thun.