Der Flatterhafte handelte immer nach Willkühr, ich nach den Gesezzen des Zwanges. Hätten Sie mich doch früher ziehen lassen, vielleicht wär’ es uns allen besser gewesen! —

Ich sage, verurtheilen Sie mich nicht zu früh; es wird gewis eine Stunde schlagen, wo ich Ihnen einen befriedigendern Aufschlus über das Räthselhafte meines Betragens geben darf, wo Sie gern die zu früh gesprochne Verdammung zurüknehmen werden! — Für izt kann ich Ihnen zu meiner Entschuldigung nichts mehr sagen, als daß ich in gewissen Verbindungen stehe, welche in gewissen Stükken meinen freien Willen beschränken. Mir obgelegene Pflichten sind mehrentheils erfüllt, und ich sehe mit unaussprechlicher Sehnsucht dem Augenblik entgegen, welcher mir die Freiheit wieder schenkt, die vaterländischen Gegenden zu sehn, und mich Ihnen, vielleicht auf immer, in die Arme zu werfen.

Den Nachrichten zufolge, welche ich aus Deutschland empfangen habe, befinden Sie sich alle wohl, und Bruder Florentin klettert muthig am Hofe die steile Bahn des Glüks hinan. Unterlassen Sie nicht den jungen, feurigen Mann auf seiner schlüpfrigen Bahn unterweilen an Vorsichtigkeit zu mahnen, und besonders ihn für die Liebe erhabenerer Personen des andern Geschlechts zu warnen. Ich weis es gewis, daß ihn die Prinzessin Louise liebt, und daß er für ihre Schönheit eine gleiche Leidenschaft fühlt. Noch einmal: warnen Sie Florentinen, wenn Sie ihn behalten wollen!

Was mich selbst betrift: so lebe ich ein geschäftvolles, unruhiges, ängstliches Leben. Aber wohl mir, daß ich so glüklich bin, es zu können; es gilt das Wohl meiner Mitmenschen für welche ich arbeite; um des Glükkes einiger Tausenden willen, kann ich ja wohl ein Weilchen des Lebens Freuden entbehren! —

Und hab’ ich mich denn oft den Tag hindurch müde gearbeitet; so verlaß ich mein Zimmer, und trete aus meiner Wohnung hinaus in das freie Feld. Das Häuschen welches ich jezt, und zwar erst seit vier Wochen bewohne, denn vorher hielt ich mich einige Zeit in Neapel und in Rom auf, hat eine romantische Lage. Es ruht an dem Fuße eines Hügels, von einem anmuthigen Gebüsche verdekt. Zur Rechten sehe ich in der Ferne S. Marino. Wie gesagt, die Gegend ist schön, nur für mich nicht. Ich finde sie einförmig, traurig, die deutschen Winterlandschaften haben in meinem Auge ungleich mehreren Reiz, als die unter einem ewigen Frühling blühenden Felder von Italien.

Außer einigen abwechselnd zu mir kommenden Bekannten und zwei Kerln, welche mich bedienen, habe ich niemanden, in dessen Gesellschaft sich meine Seele aufheitern könnte. Ein niedliches braunes Mädchen aus S. Marino kam einstmals auf einem Spaziergange mit ihrem Vater in meine Hütte. Ihre unschuldige Unterhaltung ist das einzige Vergnügen gewesen, welches ich seit langer Zeit genossen. Nachmals besuchte mich die Marinerin noch einigemale und auch sie blieb dann aus. — Doch der Gedanke, Sie, meine Lieben, bald vielleicht zu umarmen, mag mir Erquikkung genug sein. Vergessen Sie mich nie, Ihren Sie ewig liebenden

Ludwig Holder.

Geschrieben im Landhause
bei Santo Marino.

„Nie! — nie vergessen!“ riefen der Onkel und Rikchen zu gleicher Zeit, nach durchlesnem Briefe aus, und wischten ihre Thränen vom Auge.

„’s ist doch ein braver, seelenguter Mann!“ sagte der tiefgerührte, alte Graf.