Auguste. Nein, Bester, glauben Sie es nicht! — mir ist freilich noch izt am Ende meiner Tage manches in denselben verworren und dunkel, allein droben, droben erwarte ich Licht; warum sollte der Himmel unsern Eigensinn, unsre Wißsucht zu befriedigen gegen die Ordnung der Natur und des Schiksals sein?
Florentin. Unnachahmliche, Sie — Sie sind meine Trösterin, da Sie selber Trostes bedürfen.
Auguste. Nein, ich bedarf keines Trostes; ich habe meinen Zwek erreicht; Sie sollten mich noch ganz kennen lernen, eh ich die Erdenwelt verliesse, sollten mir Ihr Mitleid gönnen, da ich nicht mehr hoffen dürfte; ich glaubte in dieser gegenseitigen Entdekkung Beruhigung zu finden, und ich fand sie.
Florentin. Daß ich mehr zu Ihrer Beruhigung hätte thun können!
Auguste. Genug gethan! — wollen Sie noch eines, so bitt’ ich Sie, diese Blätter, welche ich zu Anfange meiner Krankheit unter ahndenden Gefühlen des Todes schrieb, an Sie schrieb, mir noch einmal vorzulesen, und hernach, sie keinem andern Ohr und Auge, als den ihrigen anzuvertrauen. — Es sind Träumereien, Schwärmereien, welche Sie als nichts mehr betrachten dürfen. Aber indem ich mich meinen Empfindungen und meiner Einbildungskraft überlies, war ich doch glüklich. — —
Florentin, in die schwermüthigste Seelenstimmung versunken, entsiegelte die Papiere, und begann zu lesen. Oft zitterte, oft brach seine Stimme, aber die Sterbende lächelte holdseelig auf ihn hin, und er fuhr im Lesen fort.
Wer vielleicht aus ähnlichem Hang, vielleicht aus Neugier, oder wider die Langeweile, der liebenswürdigen Auguste Schwärmereien, mit Florentin, zu lesen wünsche, wende sich zum folgenden Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Schwärmereien Augustens von Gülden.
Ich will mich hieherstellen und den Vollmond ansehn, wie er schweigend über den einsamen Thurm der Kirche hinschwebt; — es ist ein feierliches Schauspiel! die Gottheit erschuf diesen wiederleuchtenden Weltkörper, daß er ewig und liebend uns umschwebe, und nie unsern Stern verlasse, sondern ihn immer begleite in seinem Kreislauf.
Was hier Gesez der Natur heißt, heißt bei den Menschen Liebe; aber ist Liebe vorherbestimmtes Gesez, ist Liebe Zwang? Ich mag es nicht ergründen, aber Heil mir daß ich diesen süssen Zwang, oder diese beseeligende Willkühr meines Herzens empfinde!