Und in diesem Moment hört er einen Ton, der schlechterdings nur weiblichen Lippen entfliehen konnte. „Louise ists! Louise ists!“ rief ihm sein liebendes Herz zu, und alles Blut stürmte wilder den Pulsen entgegen, seine Wangen glühten, seine Augen leuchteten Freude und Hoffnung. „Ich muß sie sehn!“ dachte er bei sich und schlich behutsam durch das Dikkigt derjenigen Gegend zu, von wannen ihm die Stimme des Frauenzimmers zugeweht war. Er hatte kaum einige Schritte gethan, als er, wie angewurzelt, stehn blieb, und ohnmächtig sich an eine hundertjährige Eiche lehnte.
Durchs Gebüsch sah er in einer mäßigen Entfernung ein schöngebildetes Frauenzimmer. Zwar schien der Mond sehr hell, und des Gebüsches Schatten traf kaum eine Falte vom weißen Gewande der Dame, demungeachtet hätte jedes andre Auge nichts deutlich an derselben unterscheiden können, was der Blik des sterblich verliebten Grafen, oder vielmehr seine dienstfertige Einbildungskraft, sehr genau sah und unterschied. Und was Florentin erblikte, oder doch zu erblikken glaubte, mußte seine Liebe doppelt anfachen. Es hält freilich schwer das Fantom eines liebenden Sehers nachzuzeichnen, indes will ichs einmal wagen, ob ich gleich gewiß bin, daß ich mit meiner Beschreibung weit unter dem Ideal bleiben werde, welches der trunkne Liebhaber sich vorschuf.
Denn nie war Sterblichen noch der Schönheit liebliches Urbild in der Hülle eines sterblichen Weibes erschienen; nie bis dahin die Begeisterung heiliger Barden aufgestiegen, und nie ein Bild dem Meißel entsprungen, welches hier Louisen glich, die Florentin wahrzunehmen wähnte. Hier raubt der zitternde Pinsel tausend Reizze mit jedem vermessenen Auge. Erröthend schweigt die Muse vor dem Werke, welches nur einmal die Natur in ihrer Zauberfülle geboren.
Regellos, doch schön umschwamm, in schimmernden Lokken, goldnes Haar der Geliebten alabasternen Nakken. Sanft umfieng dasselbe die weiße blendende Stirne in geziemende Gränzen. Ueber die zärtlichen blauen Augen, die der Liebe begeisternde Sprache verstanden, majestätisch sich wandten, und ein himmlisches Feuer in des Marmors Busen zu entzünden vermögend, wölbten zartverrinnend sich zwei dunkele Bögen, welche die Schwermuth sich zu ihrem Throne erlesen. Zwischen den rosig blühenden, schneeummaleten Wangen, von dem ewigen, süssen Lächeln der Liebe umspielet, stieg, im feinsten Ebenmaaße, lieblich erhöht die Nas’ empor, und tiefer der schmalen, purpurnen Lippen schönes elastisches Paar, verführend zum tändelnden Kusse. Ihren Busen umfloß des Flores wallender Nebel, welcher in tausend Falten dem entweihenden Blik des Weibes Heiligthum barg. Und um die göttliche, weiche Bildung floß der Unschuld weisses Gewand, von dem schwarzen, silbergestirnten Gürtel unter dem Busen geschlossen. — Aber wer malet nun den unaussprechlichen Liebreiz, welcher über diese hehre Gestaltung gegossen? Jenen rührenden Zauber in der leichten Bewegung, der die Herzen verwandelt, die Empfindungen auflößt, in die seligste Ohnmacht welche Seelen verzükket und in öden Wüsten der Schönheit Altäre erbauet?
Unmöglich konnte Florentin alles dies mit seinen beiden leiblichen Augen sehn; das Bild lebte in seiner Fantasie, aber nicht vor seinen Blikken. Er hatte schon einige Minuten dagestanden an der Eiche, als er erst inne ward, daß die Erschienene unsichtbar geworden sei. Sie aufzusuchen wurde beschlossen; denn in allen Fällen blieb es ein sonderbares Phänomen, wie ein Frauenzimmer, es mogte nun sein, wie es wolle, zur Mitternachtsstunde hieher in das Gehölz gerieth? Wäre dies in den Tagen des alten Roms oder Graciens geschehn: so hätte man glauben müssen, Diana habe sich verloren, einen schlafenden Endymion zu finden; lebten wir in den Tagen Hüons, Rolands oder Doolins: so wär es vielleicht die Königin der Elfen, oder irgend eine gute, schöne Fee gewesen; oder wären wir abergläubig, so muthmaaßten wir, Louise habe sich in ihrer Todesstunde geahndet. Dies alles konnte es nicht sein, doch was es mit der Erscheinung eigentlich vor eine Bewandnis hatte, hegen wir auch nicht Hoffnung so bald zu erfahren, weil sich dem guten Willen des liebenden Duur, die gewähnte Louise auszuforschen, ein breites, sumpfigtes Gewässer entgegenstellte, welches sich in die Länge umherzog, und ohne Brükke unmöglich passirt werden konnte.
Eine gute Viertelstunde irrte er an dem morastigen Ufer des Sees oder Baches umher, allein fruchtlos für seine Wünsche; fruchtlos rief er öfters den Namen der Geliebten, er verhallte gebrochen in dem krausen Gewölbe des Waldes und keine Antwort scholl zurük.
Müde endlich des vergeblichen Suchens, kehrte er misvergnügt, mit gewachsener Sehnsucht im Busen, zu den harrenden Kumpanen heim; seufzend schwang er sich aufs Roß und traurig suchte er wieder die reizenden Geschöpfe seiner Einbildung auf, weil er um Realitäten betrogen war.
In der Liebe süsbethörende Träume verloren, flog nun trunken sein Geist durch die Gefilde des Himmels. Feiernd sangen ihm die Harmonien der Sfären Louisens Namen entgegen durch die hallende Schöpfung. Louisens Namen malten flammend die irrenden Sterne an die blaue Tafel des unermeßlichen Aethers.
Doch ermüdet senkte der Einbildung buntes Gefieder wieder herab sich in der Wahrheit kalte Umarmung. Ach, da entzükte nicht sein Auge das Anschaun der Geliebten, da umschwebte nicht das Gelispel geistiger Küsse sein Ohr und nicht der harmonische Wohlklang, den die schöpfrische Lieb’ um Louisens Namen gewunden.
Doch ich befürchte, zulezt noch aus dem Märchenerzähler ein epischer Dichter zu werden, wenn ich mich länger in Florentins Fantasien einträume.