Dulli. (aufspringend) Herr, ich gehe mit Euch.

Diese Worte sprach Dulli mit halben Jauchzen. Seine ganze Seele schilderte sich in seinen Tönen. Er sprang auf; lief in die Hütte; sammelte seine Kleinigkeiten; schnürte ein Bündel daraus; suchte sein verrostetes Jagdmesser hervor, schliff es blank auf einem Steine und konnte die ganze Nacht nicht ruhen.

Der Morgen brach endlich an. Florentin, Badner, Gotthold und Dulli, welchem man in dem ersten Dorfe ein Pferd erhandelte, sezten ihre Reise fort.

Ich halte mich nicht mit der Erzählung von tausend kleinen Merkwürdigkeiten auf, die abwärts vom Plan meiner Geschichte führen, sondern eile so sehr als möglich dem kühnen Grafen nach, der, unterstüzt durch seine schwarzen Bündner angeflammt durch die große wohlthätige Sache, es über sich nahm, einem Auslande Rettung und Freiheit zu verschaffen, das bis jezt noch nicht an sich selber im Stande war, ihm solche fürchterliche Verpflichtung aufzulegen. In der That, es ist noch nicht so gros gehandelt, wenn Patriotismus, Selbstrache, eignes Elend, und Elend seiner Vertrauten einen Mann zu dem Entschluß führt, solche Riesenthat in begehen, als wenn Ehre, Gefühl und Mitleid für die leidende Menschheit einen Fremdling dazu auffodert und wirken macht. — Verzweiflung ist gewöhnlich die Mutter aller Revolutionen, nur hier war sie’s nicht, sondern Florentins ungewöhnliche Geistesgröße und Empfindsamkeit für alles was Noth duldet, was den Stempel des Guten trägt.

Und doch zweifle ich sehr, ob je unser guter Graf sich je einer solchen gefährlichen Arbeit unterwunden hätte, wenn nicht seine Schiksale eben die dazu erforderliche Stimmung der Seele in ihm erschaffen, nicht mannichfache Gefahren ihn furchtlos vor denselben, nicht unzählige Leiden ihn zum wilden, schwärmerischen Starrkopf gebildet, nicht Erziehung und verlorner Genuß des allgemeinen Ruhmes ihn dürstiger nach demselben gemacht hätten.

Als er eines Tages mit seinem Gefolge eine Anhöhe erreicht hatte, von welcher man meilenweit umherschauen konnte; als Dulli plözlich und mit heilsamen Grausen ausrief: „dort! seht dort die Thürme von Kanella!“ — als alle bei diesen Worten standen, ihre Augen hinwandten nach der Gegend und: „Kanella!“ leise stammelten — da blizte ihm frohe Hoffnung durch die Seele, die Szenen der Zukunft gruppirten sich prophetisch vor ihm hin, und er fühlte sich stark genug für sie. Wer den Mann in diesem Augenblik gesehn hätte, wie er da stand Kanellas Schuzgott, der Freiheit herbeifliegender Genius, wie seine ganze Seele sich wiederspiegelte in seinen Mienen, wie die Sonne Glanz der Verklärung über ihn herabgoß, seine Haarlokken stürmisch im Winde rollten; — fürwahr der würde ihn mit einem Helden der Vorwelt verwechselt, für einen Scipio, oder Tell gehalten haben.

Sie schritten die Anhöhe jenseits hinunter und fanden am Fuße derselben einen Zug von Reisenden, die ihnen theils auf Pferden, theils in Wagen entgegen kamen, bald darauf, ohnweit einem Wirthshause an der Landstraße still hielt und sich da voneinander trennen zu wollen schien. Man sahe ein rührendes seltsames Schauspiel, indem sich Männer und Damen wechselseitig unter einander umarmten, einige laut weinten, andre wieder fluchten und die Degen zogen und hochschwangen. Ein junges Frauenzimmer sank ohnmächtig zwischen einem Greise und einem Jüngling nieder.

Florentin gab seinem Pferde den Sporn und flog dem Auftritt näher. Er grüßte die Personen, welche wir, meine Leser und Leserinnen, schon größtentheils einmal irgendwo gesehn haben, aber niemand erwiederte Florentins Gruß.

„Hilf Himmel!“ rief Dulli mit einemmale indem er sich einem jungen Manne nahte: „seh’ ich recht? Giovanni Borsellino!“

Der Jüngling drehte sich um; mit rothgeweinten Augen starrte er den Frager an.