Er trat näher — immer näher — es war Louisens Bild! — er streckte die Hände nach dem kostbaren Bilde und blieb unwillkührlich eine Weile in dieser Stellung. Sein Herz schlug lauter; seine Arme zitterten; sein Blick verdunkelte sich.

„Schönes Gespenst!“ — sprach er leise bei sich: „schönes Gespenst, verfolgst Du mich allenthalben durch die Irrgänge meines verworrnen Schicksals? — Sind es fünf Jahrhunderte, die sich zwischen dieser und der Götternacht im Dosanischen Garten lagern, wie kommst Du dann hieher? — Louise! Imada! — es wird mir immer unerträglicher dieses Blendwerk. Länger darfs nicht anhalten. O Josselin! Josselin! — aber ich hab’ ihm ja nie von einer Imada erzählt; nur der alte Silberot weiß darum — er ist ausser mir und Matthias hier der Einzige!“ —

Er nahm das Gemälde von der Wand und betrachtete es genauer mit scharfem Blick; alle Freuden der seligen Vergangenheit wachten mit diesem Blicke von neuem in seinem Busen auf. Louise an Adolfs Hofe — wie das erste bange Gefühl der Liebe in ihm aufkeimte — wie er einstmals zu ihren Füßen sas im Schloßgarten, und die reizende Fürstin auf der alten, hölzernen Bank; unter seinen Füßen das stille Thal, zur Rechten die Eremitage mit dem schimmernden Kreuze im Mondschein — über ihm der Himmel, und mehr, als Himmel, in Louisens schönen, liebereichen Augen; — wie er sie sah, sie hörte im Walde von Riedelsheim, einer Erscheinung ähnlich aus der Oberwelt; — wie er sie wiederfand im romantischen Paradiese von Dosa, und dann — dann wieder im Haine in der Nachbarschaft von Idalla’s Insel! — das alles gaukelte izt vor seinem Geiste in verschöntem Farbenspiele — er fing an seinen Verstand zu bezweifeln, zu fürchten, er rase in einem lieblichen Wahnsinn.

Unter dem Spiegel stand auf einem Tischchen eine silberne Klingel. Er hob sie auf — klingelte. Zur Rechten eröffnete sich eine Thür; ein Mensch erschien, dem mans an der demüthigen Stellung ansah, daß er zur Bedienung geschaffen sey.

Florentin gaffte ihn einige Augenblicke mit Verlegenheit an. Er erinnerte sich nicht, auch dieses Menschen Angesicht je gesehn zu haben.

„Befehlen Sie etwas?“ fragte der Diener.

„Wo ist Herr Josselin?“

„Herr Josselin? — Wen meinen Sie?“

„Kennest Du ihn nicht?“

„Der Name ist mir unbekannt. Erklären Sie sich nur deutlicher.“