Lizzi Beermanns Zimmer stieß an das Gemach ihrer Eltern.

Sie preßte die Polster vor die Ohren. So — so war man also entstanden. So behäbig hingesudelt in eine träge Weite, gleich nach dem Disput über die letzte Hutrechnung, und vor dem ersten Gähnen verdrossener Abkehr.

Da lag man, gedemütigt in seiner ungetanen Jugend, die es so ganz anders wissen und wahrhaben wollte. Lag hilflos heiß auf planen, toten Laken; in Empörung gegen ein weiheloses Nebenan.

Aufspringen hätte man mögen, Türen aufreißen, drauflosschreien:

„Da — das ist der ‚Kinderschlaf‘ meiner dreiundzwanzig Jahre, an den eure Faulheit zu glauben vorgibt. Ja ihr — ihr, zu träg in euren salopp gewordenen Körpern, um auch nur ein Glied selber zu straffen — anregen laßt ihr euch von dem Blut in unsren obszönen Tänzen, die wir am Schnürchen machen dürfen. Dann fragt ihr: ‚Nun Kleine, gut unterhalten? So, jetzt aber brav ins Bett‘.“ — O, wie widerlich — welch ein verlogener Käfig, dieses ganze Leben. Aber ausbrechen? Nein, zu riskant. Lieber behalf man sich noch bis zum korrekten Ende.

Manchmal gelang es wohl und man vergaß ganze Teile von sich — sank dann wie an eine fremde Wärme — an sie hin. Da waren zum Beispiel die Arme: ferne Gliederwesen, die frei spielen konnten, wo sie wollten. Aber Kopf und Lippen blieben leider immer allein und zu weit weg von allem Wesentlichen. Wie gut es die Raubtiere, überhaupt die Tiere hatten: von nichts an sich waren sie getrennt; Kelch und Gegenkelch durch eine wunderbar bewegliche Wirbelschnur biegsam verbunden. Schon als Kind hatte man im Zoo immer davon träumen müssen, wenn „miß“ vor den Käfigen die Zahnformeln repetierte. Was sich da alles machen ließe.

Und die Träume gingen bald in Geschichten über — etwas beschämende Geschichten, an denen sich ein zweites, häßlicheres Ich mästete — zu vampirhaftem Leben erweckt von unbedenklicher Hand. Die arme junge Hand wußte nicht, daß sie das Glück entwurzelte in ihrer Not. Wie es dann, am Tag der Erfüllung, heimatlos sein würde am abgelenkten Quell.

Aber es waren in diesen gefährdenden Jahren eben immer wieder nur die Zahnformeln repetiert worden, und etwa: wann und unter wem Sizilien an das Haus Anjou gekommen — dann noch etwas Eckiges mit einer Hypotenuse, aber das hatte man nie recht verstanden.

Natürlich wußte man, das „andere“ sei wohl improper. Es war aber außerdem so viel „improper“, gar nicht zu leben wäre gewesen, hätte man sich überall daran gekehrt. Wie also Sinn von Unsinn am „improper“ scheiden, da die Erklärung, erhielt man sie, ja doch gelogen war und immer weithin sichtbar falsch.

„Oh wann — wann wieder.“