Er lenkte ein:
„Meinen Sie bitte nicht, ich sei blind gegen die verzeichnete Anmut etwa der ‚dame à la Licorne‘, für den falschen Galoppsprung des Rappen auf Carpaccios Drachenkampf, auch sehe ich, wie etwas, sie nennen es Gotik, aus verworrenen Wurzeln seinen gigantischen Clownismus gegen den Geist des Steins durchtrotzt, denn warum sollte einer verworrenen Seele nicht auch gestattet sein, sich verworren auszudrücken? Sie hat ein Recht auf die Fehler ihrer Echtheit. Was aber der Renaissance abgeht, ist diese Inbrunst im Danebenhauen. Sie macht es mit dünnem Zirkel in Architektur, in Plastik mit kaltem Muskel — und in Malerei: nun, ich fürchte, in wenig Wochen schon so gut zu sehen, daß ich einen echten Raffael nicht mehr von seinem Öldruck werde unterscheiden können.
Wo eben in Europa die Verworrenheit endet, fängt schon der Gähnkrampf an. Kann sich die Seele hier denn immer nur als Wahn betätigen? Pausiert aber der Wahn, bleibt eine gewaltsame, unsolide und leere Freiheit irgendwo am Grund der Lenden, wo bisher gehetztes Irrsein schwoll.
Nie noch sah ich hier den Finger des Geschlechts frei auf die Seele weisen. Nie: Ethik von unten. Aus den Zellen der Generation geboren, somit Basis der ganzen lebendigen Pyramide. Immer Glassturz aus der Höhe über einer ewig rebellierenden Masse aus Blut und Gestank oder — Hoffart, Leere und Langeweile.
Als hätten stets nur begabte Krüppel — irgendwie zu lang Eingesperrte und doch wieder zu früh Freigelassene — alles Wichtige Europas, so auch die Kunst in Händen gehabt.“
Gargi meinte:
„Doch auch bei uns, auch im Osten sind Tempel, Statuen, Bilder barbarisch, unwert unsres Lebens.“
„Eures Lebens, ja — glücklicherweise. Denn ihr braucht nicht Kunst zu eurer Rechtfertigung. Braucht nichts aus euch hinauszustellen als steinerne, hölzerne, ölige Sehnsuchtsprojektion. Übersteigert euch selbst zum Kunstwerk, in euren ganz beseelten Körpern. Wenn ihr einander einen Mango reicht, ist darin alles, was hier als Trümmer durch alle Galerien liegt. In eurem Ruhen, Schreiten, Grüßen, Danken erzeugt sich Unerschöpfliches: lebt sich Erlösung aus, denn in ihm ward das Geheimnis des Zugleichbestehens von Freiheit und Notwendigkeit lebendig offenbar. Indiens Kunst ist für seine untersten Schichten da, die Höchsten bedürfen ihrer nicht mehr.“
Er sah Gargi wieder vor sich im Museum am Kapitol. Wie sie, belustigt über gellend falsche Ergänzungen an Bildwerken, das leuchtend Wahre aus ihrem Leib herausgeschöpft; den marmornen Moment der Statuen aufgerollt hatte vor und zurück in ein Band Bewegtheit.
Und Krumbichler, der große Krumbichler vom archäologischen Institut, war ihr sodann vorausgehumpelt zum kapitolinischen Wagenlenker. Hängend in seinen Beinen, wie in unsichtbaren Krücken, wies die Autorität auf den kühnen steinernen Spielfuß der Figur.