„Denn ich wiederum mache gerne einen noch so halsbrecherischen Umweg, schärft oder vertieft er mir die Einsicht nur um ein Weniges, und diese, hoffentlich nur vorläufig letzte Einsicht besagt, daß die Welt den Spezialfall aus zwei Scheingleichungen darstellt.“
„Nur keine Mathematik,“ wehrte Dallmeyer beängstigt ab, „oder mathematische Physik, da verliert man den Boden der Tatsachen. Der Samossy ist auch schon halb meschugge mit seinen Knotenexperimenten.“
Und höchst ägriert über die Störung im Fachklatsch — der Besuch hatte doch so anregend begonnen — entbot er wieder Gruß mit Schlagring. Krause scharrte am Boden, knallte die Hufe zusammen, und die Türe schloß sich hinter den beiden.
Aus Samossys weitem Roßhaupt begann es zu kichern. Es hatte das unbegreiflich Irre des Pferdes in allen Zügen, bis zur nüsternen Nase, wenn sie — eine ganze Landschaft für sich — weichgehöckert, aus Mulden von großporigem Moos, überraschend Hauch ausstößt. Wenigstens ein ganzer Gaul, statt dieses Dallmeyer, der — slawische Knöpfchennase oben — Pöbelbeine unten — außenherum wallender Germane und innen ein Rindvieh war.
Das knochige Kichern aber klang nicht angenehm, kam aus einem viel engeren Wesen. Er grinste diabolisch und mit großeckiger Bewegung hinter den beiden drein, wieder hinreißend in ihrer Art — hub er an, genießend zu pointieren:
„Mitnichten könnte erhofft werden, dem Halbgebildeten stünde ja annoch frei, so sukzessive 3/4—4/5—9/10 ... schließlich ganz gebildet zu werden. Daran aber hindert ihn die unausrottbare Arroganz eben dieser verdächtigen Halbheit, ihr vages ‚weiß schon‘, gierig träge Hast, nur bedacht, in jeder Tiefe eigne Flachheit zu spiegeln, die edle Demut der Unwissenheit verloren — edle Demut des Wissens nie erworben hat. Da aber so ein halbgebildeter Sensationsdeflorateur, so ein all-round Kommis auch noch mühelos in alles dreinschnauzen will und die Welt von seinesgleichen überfleußt, erstanden ihm, wie in prästabilierter Harmonie, avancierte Oberlehrer und frohe Greise, denen man nicht gram sein darf, denn sie sind bieder und wissen es wirklich nicht anders. Die lieferten ihm Taschenphilosophien für Minderbemittelte, und weil er das Fertigfabrikat stets neu liebt, lieferten sie ihm modernen Schöpfungstratsch statt des Mosaischen. Schutzmarke: ‚ein Griff ein Bett‘, wie Sie vorhin sagten, denn er hat nicht eben viel Zeit für dergleichen — gerade ein Maul voll von allem genügt. Und weil er keine Zeit hat, sind die Monistengreise und avancierten Oberlehrer immer zugleich ‚Esperantisten‘, um das ‚Unökonomische‘ auch in der lebenden Sprache zu ‚bereinigen‘.“
„Weg damit,“ schnoddert begeistert der all-round Kommis, der nur Hauptsätze nebeneinander stellen kann und will, ohne feineres Bedürfnis nach kausaler Überblickung durch Ko- und Subordination, denn: den Spannbogen des Gedankens ermißt man an der Syntax. Hochcharakteristisch nun, wie monistische Sonntagsprediger und avancierte Oberlehrer, weil sie nicht einmal philosophisch den Begriff der Kausalität noch erfaßt, und sich daher rühmen, ihn abgeschafft zu haben, gierig eine künstliche Unbildungssprache propagieren, der alle Geisteswurzeln ausgerissen sind, in der niemand je einen Gedanken weder zu fassen noch auszudrücken vermöchte.
„Was ist ein Esperantist?“
„Einer, der sich eigens ein Idiom zusammenstellt, das keines zu sein braucht. Einer, der freiwillig wieder weit hinter den Affen retourmarschiert, denn dieser hat ja — nach Garner — schon Ansätze zu etwas wie einer lebendigen Muttersprache: jenem mystischen Meer, in dessen suggestiver Lösung Gedanken wachsen, wie glasklar fließende Geschöpfe genialen Lebens. Zum Wachsenlassen aber hat der all-round Kommis keine Zeit. Auch die Kofmich-Lautklumpen, deren Sie vorhin schaudernd erwähnten, kommen davon, daß er eben nie Zeit hat.“
„Ja, um Himmels willen, warum hat er denn nie Zeit?“