Man stand leer herum in der großen Backsteinvilla. Wartete auf das Jubiläumsessen.
Manchmal beklopfte ein zugereister Geschäftsfreund, geneigten Ohres, mit dem Zeigefingerknöchel prüfend den bronzenen „Lauscher“ in der Ecke auf Metallstärke hin, oder versuchte Signaturen unter Ölbildern zu entziffern. Niemand saß. Unverrückbare Fauteuilarrangements hinter Tischen waren von vornherein dagegen, nur zwei Rollstühle an den Salonenden, um die wechselnde Gruppen sich stauten, schienen besetzt.
In dem einen ragte ein riesiger Greis aus Stein und Wasser.
Die Beine zu Blöcken geschwollen, trugen flach auf den Knien violette Hände, schwer wie Porphyr. Bis an die Hüften war er zu einem mit Wasser gefüllten Sarkophag geschlossen. Darüber kämpfte das harte alte Bauernherz zäh um jeden Zentimeter Leben, gegen das innere Ertrinken an. Ganz oben, aus blutigem Blauauge troff schon immer ein wenig Feuchtigkeit über, sickerte die fahlen Wangenfalten herab. Er biß in seinen weißen Bart vor barbarischem Starrsinn: da sein, nur da sein. Fuhr manchmal aus den schauerlichen Vorgängen in sich auf, zu wahnwitziger Eitelkeit über die eigne Zähe. Sah allen der Reihe nach in die Augen, trotzig, lauernd, wie ein erliegender Gladiator, im Gefühl drohend gesenkter Daumen ringsum.
War er vor Lebenswut hellhörig geworden an den schweren Birnenohren?
Seine blutigen Blauaugen drohten leuchtend hinüber zu dem andern Rollstuhl am Ende des Saales.
„Oh, er ist schon kalt bis zu den Knien,“ schmunzelte die greise Frau mit ruhiger Genugtuung Horus Elcho zu.
Ein goldnes Kettenarmband klirrte erledigend an der ganz verkrümmten Hand. Der restliche Körper hing: ein gerunzelter Strick, an den Enden mit Gicht verknotet, im Sessel. Hinter ihr stand ein erloschener Mensch mit geduckten Augen: der zweite Sohn und nunmehr Inhaber der Fabrik. Ihm schien auch die zerpatschte Frau daneben mit den drei kleinen Kindern anzugehören. Das älteste, einen schweren Bleichkopf im Phantasie-Matrosenkostüm aus Satin, hielt sie zwischen den Schenkeln aufgepflanzt, memorierte angstvoll etwas Gereimtes mit ihm und es zupfte an seinen Nagelwurzeln. Jetzt hatte es zu tief geschält, heimlich wischte der blutende Finger über den weißen Seidenslips.
Nun trollte sich Oskar Samossy, fast ebenso verdonnert wie das satinene Kind, hinter den Greis aus Stein und Wasser. Und beide Brüder schoben die elterlichen Rollstühle an die Têten der Speisezimmertafel.
Drei Menus wurden gereicht — nacheinander. Das erste wie es der Gründer der Fabrik anfangs gehabt: dicke Suppe, Erbswurst, Käse. Dazu Bier. Beim zweiten, dem 25jährigen Bestand entsprechend, erschien schon Fisch, Kalbsbraten mit Salat und eine süße Speise. Dazu leichter Mosel. Das dritte endlich zeigte voll und ganz, was man sich der heutigen Bilanz entsprechend leisten konnte, durfte und sollte. Begann mit Austern und wollte schier kein Ende nehmen an primeurs und durablen Weinen. Vom sechsten Gang mit Champagner aufwärts, stand immer jemand auf, der nicht stehen konnte, und sprach, ohne sprechen zu können: etwas, das man sich wohl würdig, witzig oder feierlich zu denken hatte. Manchmal wurde dazwischen „hoch“ geschrien, manchmal nur am Ende. Männer erhoben sich dabei halb. Frauen saßen ganz da; schienen einzig und ausschließlich zum Sitzvorgang geschaffen. Die Schwüle stieg. Eine Dame lüftete ihr Kollier.