Der mit der Pfundnase hatte eine trouvaille gemacht.
„Die wer mer scho außi lahnen.“
Zwinkerte er rundumher — nahm den Mund voll und blies ihr tief den beizenden Stank seiner „Virginia“ in beide Augen. Es war der Gemeinderat Pogatschnigg, Ehrenpräsident des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs.
Gargi rief vor sich hin das Pantherbaby und die Diademgestirnte, Ganapati Sastriar, Erasmus, die Welt der Elchos und den Palast von Travankor, und der Anstand der Gebärde im letzten Bettler ihrer Heimat half noch den Schutzwall um sie schließen, daß nichts aus der gerotteten Jauche dieser Entrassten in sie dringe. Wie Lanzen starrten ihre Nervenenden um sie aus — ganz aktiv — Schützer der Kaste. Doch welch grauenhafte Anspannung all diese Monate, seit Marseille; immer in einen Block von „Selbst“ geschlossen — belagert von Gemeinheit, nie verströmend an ein Ebenbürtiges ausruhen dürfen: arglos, müd und froh — im großen Ihresgleichen.
Jetzt regte sich, zum erstenmal, auch etwas gegen den Gefährten in ihr. Wie durfte er eine indische Dame, an der Gesittung Asias erwachsen, in solche Mißzucht zerren?
Da war er selbst — — hatte mit einem Blick die Situation erfaßt und seine Haltung ließ kaum einen Zweifel, daß er in gradliniger Betätigung zu blendenden Handgreiflichkeiten ohne Verzug überzugehen gewillt war. Sein Gesicht sah aus wie eine konzentrierte und höchst vermeidenswerte Tracht Prügel. Alles verebbte in Unschuld; treuherzig sah man einander in die Augen, und aggressive Zudringlichkeit flaute sichtbarlich ins Unterwürfige ab. Er staunte. Hier gedieh offenbar eine besondere Spielart europäischen Rüpeltums: das Knieweiche; immer feig bereit bei festem Zugriff als „Gemütlichkeit“ wieder ins Verantwortungslose zu zerrinnen. Ein verwester Käse, den eine scharfe Klinge trifft.
Nun wuchs aus dem Plüschläufer plötzlich der Hoteldirektor heraus — in kriechendem Salonrock und weißer Atlasbinde — letztere immer neu aus dem alten Brautkleid seiner Frau geschnitten, und verteilte in falscher Hausväterlichkeit die Mittagsration Banalitäten von Tisch zu Tisch. Horus Elcho wisperte er so ungefragt als wichtig zu, die Herrschaften in der Ehrenecke seien ihre fürstliche Gnaden die Durchlaucht W. und ihre Gesellschaft — der melierte Herr in der Pepitahose neben der Fürstin, Exzellenz Graf X., lenke die äußere Politik des Landes. Am Tisch der Durchlaucht meldete er wieder, die Fremden da, die Neuen, hätten chinesische Dienerschaft mit und kämen gar aus Indien. Die „Fesche“ atmete herablassend auf:
„Na also — a Murl is.“
In der Ehrenecke war man indes vom Französischen endgültig abgekommen, nachdem das Wort „Kokotte“ wiederholt und deutlich gefallen. Offenbar sollte damit gemeint sein, was in Paris „femme entretenue“ heißt. Nun wandte sich das mit Kose- und Eigennamen reichlich durchsetzte Gespräch irgendeinem alpinen Jagdunfall zu:
„Und wie er aus die Wänd scho beinah heraust war,“ berichtete die melierte Exzellenz, „is a Steindl wie eine Erbsen oder wia Haselnuß von ganz oben kommen, das hat ’n am Kopf erwischt und aus war’s.“