Die Eltern sahen immer ratloser diesem Giraffen- und Windspielwesen zu, das kerzengrad, erbittert, stumm und über die Maßen wunderbar von ihnen wegwuchs. Es selbst aber ward jammervoll herum geworfen zwischen Schwachmut und Hochmut. Denn nichts ersehnt ja ein feinerer Mensch inbrünstiger, als nur Ebenbürtiges um sich zu haben; mehr noch: sich hinbreiten dürfen vor etwas, das besser ist als er. Glücklich nur in einer Welt, die ihn zum guten Durchschnitt reduzierte. Denn der sinnlich Wohlgeratene mag auch nur wieder Wohlgeratenes um sich dulden, anderes tut ihm zu weh in seinen Augen. Wer dagegen die Inferiorität seiner Umwelt mit befriedigter Eitelkeit, statt mit Qual und Scham konstatiert, gehört ihr selber zu, und ein Überlegenes solange hämisch umlauern, bis man glücklich einen Fehler, eine Lächerlichkeit, eine Schwäche daran entdeckt zu haben meint, ist untrügliches Pöbelmerkmal.
So wehrte sie sich qualvoll immer wieder, ihr Anderssein als Höhersein werten zu müssen. Vielleicht war alles falsch? Vielleicht ließ es sich doch noch abgewöhnen, oder ein Schleier wuchs einem vor den Augen, den allzu klaren, man sah nicht mehr wie kalt, unrein und träge die Welt ringsum war.
Erst vor der Wahrheit ihres vierzehnjährigen Aktes sank jeder Zweifel dahin. Hohe zarte Beine wuchsen aus allen Kleidern heraus, hoben sie höher, immer höher über Morast und Mob, lange Schenkel spiegelten durch die Scheußlichkeit aller Moden hindurch. Voll Ehrfurcht stand sie im Springbrunnen ihrer Glieder: dem hüftenlosen Strahl aus Milch und Silber. Wo er an den Flügelschultern in die Arme niederfloß, dort oben spielten in ihm zwei winzig harte Kiesel, von paradiesischen Wassern hochgeschliffen. Das Mädchen-Kind aber trank sich, berauschte sich mit zitternden Wimpern an diesem verwegenen, makellosen Strahl, zu dem es „ich“ sagen durfte.
Und war von nun an nicht mehr gemein zu kriegen.
Aber warum, um Himmels willen, sollte man denn nicht so, ganz so, durch die Welt jubeln und alle rufen und ihnen diese ungeheure Freude immerwährend in ihre Augen schenken? Nicht einmal Papa sah es richtig und Mama verstand ja nichts davon.
Damals erweckte sie die erste grenzenlose Hingebung und beging die erste überflüssige Infamie.
In drei Zimmern, voll geretteten Strandgutes aus Lebensschiffbrüchen, wohnte Madame Paola Swoboda née comtesse de Noailles „leçons de conversation et littérature française“. Ölige Korkzieherlöckchen hingen ihr, gleich der Kaiserin Josephine, in die alternde Stirn. Aus dieser wieder hing an einem dünnen Stiel mit Zwicker eine gedunsene Nase herab. Groß, würfelförmig und unendlich einsam saß sie den ganzen Tag vor der einen Seite des Löschblattes. Auf der andern saß jede Stunde ein andrer Frischling dieser verachteten Tribus und zergrunzte die adorable Sprache Racines und Molières. Auf das Löschblatt selbst aber malte während der Lektion die schmale alte Hand mit dem Rotstift unaufhörlich Schnörkel, wie aus einer bessern Welt. Ganz aus dieser besseren Welt herübergerettet schien nur der kleine Finger mit dem wunderbar geschliffenen Nagel. Sie hielt ihn immer ängstlich weg gestreckt vom Vierten und seinem Doppelreif der Witwenschaft, nach einem österreichischen Leutnant Swoboda aus Greislerblut. Eine romantische Seebad- und Entführungsgeschichte. Epilog: „leçons de conversation et littérature française,“ den ganzen Tag. Nur die Stunden vor und nach Sibyls Lektion blieben leer. Ein kleines Fest der Distanz zu Ehren der Lieblingin. Kein andrer Schüler durfte ihr Kommen kreuzen. Das bedeutete acht Stunden entgangenen Honorars pro Woche. Aber was machte es, saß nur dort wieder das Zauberkind mit den Zykadenbeinen und man durfte aus seinem Mund die eigne geliebte Sprache hören. Eine Blume, ein Bonbon bezeichneten stets die Stelle, wo weiterzulesen war. Später zerbrach sie sich ihren lieben alten Kopf, immer seltenere Proben der angebeteten Kultur aufzustöbern und war glücklich, wenn etwas davon, so so — la la vor dem hellen Giraffenkitz ihr gegenüber Gnade fand.
Dieses nahm der Madame Swoboda dafür ganz en passant den lieben Gott weg und schenkte ihr zu Weihnachten, an seiner statt, einen leider ganz verlausten Papagei. Die alte Comtesse hatte ihr Leben lang den lieben Gott geliebt und Papageien gehaßt. Nun gab sie klaglos Gott dahin, weil die Lieblingin sich einmal mißbilligend über die Unsterblichkeit geäußert und schloß das ganz verlauste Paperl mit Entzücken in ihr großes, zartes, brennendes Herz. Blusterte sich „Coco“, während der Stunde auf ihrer Schulter hockend, auf, streifte sein Brustflaum nur ihre Wange, traten ihr schon Tränen der Zärtlichkeit in die Augen: „chérie adorée“, und sie berührte sein Köpfchen mit den Lippen.
Eines Tages traf Sibyl die Französin recht niedergeschlagen. Eine Todesnachricht.
„Mon oncle, qui était toujours si bon pour moi.“