Das alles geschah weniger aus Boshaftigkeit, als um der eignen Person gesteigerte Bedeutung zu erschleichen. Da sich die Effekte abstumpften, griff sie mit der Zeit naturgemäß zu immer bedenklicheren Mitteln, ihre Lieben in Angst und Friedlosigkeit aufgescheucht zu halten. Schließlich blieb nur noch die Todeskoketterie wirksam übrig. Eines Tages sagte sie Datum, Stunde und Minute ihres Hinscheidens genau voraus, arrangierte das Szenarium, wies jedem seine Funktion zu. Sibyl wurde, als die Zeit kam, mit einem Batisttüchlein hinter den Lehnsessel postiert, ihr den Todesschweiß von der Stirn zu wischen, doch eben im Begriff, sich in ein wohlgeratenes Herzkrämpfchen hinaufzusentimentalisieren, ergab es sich, daß man heimtückischerweise die Uhren falsch gestellt, sie um ihre Todesstunde geprellt hatte.

Endlich eines Nachts versuchte sie es mit Veronal. Sah schon die „scène à faire“ vor sich: andern Tags die zwei Bösen, Freien, zerknirscht vor dem Bett ins Knie gebrochen und sich selbst von den herbeigeeilten Ärzten gestützt, noch schwach aber unendlich rührend, die Lippen bewegen:

„Ich wollte fort. Ich bin euch ja doch nur zur Last.“ Und ohne Worte, nur mit stummem Blick, um die Übeltäter vor dem Personal zu schonen: „So weit habt ihr es glücklich mit eurer Herzlosigkeit gebracht.“

Sie vergriff sich aber in der Dosis — nahm genug. Der Vorhang hob sich nicht wieder.

Es war nach dem Trauerjahr, bei einer großen Teegesellschaft. Da trat ein Mensch zur Tür herein. Niemand kannte ihn. Um niemanden kümmerte er sich. Ging pfeilrecht mit nachtwandlerischem Lächeln auf Sibyl zu und blieb vor ihr stehen. Nicht wie einer, der etwas zu sagen, sondern zu hören kommt.

Er war jung, gradhaarig, schmächtig, doch von der verdrechselten Knorrigkeit van Eyckscher Engel, wie mit einem trotzigen Feigenblatt geboren. Aus der Haut einer Hostie sahen Augen des Illuminaten. Das Zahnbein war schlecht. Der Anzug unauffällig korrekt.

Johannes der Täufer im frock coat? Aber sie war verschüchtert, ja, erschüttert von dieser zähen Gradheit. Angelus: der Bote fiel ihr ein. Frug schließlich, als er unbekümmert weiter schwieg:

„Was kann ich für Sie tun?“

„Es wäre eher an mir, so zu fragen, da ich zu Ihnen entboten bin.“

Er sprach herbe schlesische Mundart. Die Silben kollerten als kleines Urgestein aus seinem jungen Mund, der dabei eckig anzusehen wurde. Dieser Fremdling stand da — wie aufgetaucht — beladen mit den Morgengaben einer unbekannten Tiefe vor ihr, als sei sie die einzig lebendige Seele in der ganzen Welt. Er klärte nichts auf. Manches ergab sich, erriet sich, andres blieb: ein dunkler Reiz. Sie sprachen durch Stunden. Die Leute ringsum zogen am Rand ihrer Sinne in einem ganz andern Medium dahin, wie in den Wasserwürfeln der Aquarien bewegter Schleim zieht. Er machte sie spüren, sie sei behütet, irgendwie auserkoren, von geistigen Führern erwartet. Er, deren Bote und Mittler nur. Worte wie Sterne fielen auf sie nieder, von herber dunkler Glorie. Sie fing ein Jegliches mit dem Herzen auf, denn ihr Hunger nach Seele war sehr groß.