Der berühmte Gynäkologe in Berlin sagte ihr nichts Neues.

Nach Charmions Geburt, als Fachleute dazukamen, war irgendein schwerer Kunstfehler begangen worden, weitere Kinder mußte das Messer ans Licht bringen, sonst starben sie ungeboren.

Das Schicksal gab ihr somit alles noch einmal in die Hand. Sie brauchte nur — nichts zu tun. Sich nicht rechtzeitig der Operation unterziehen; wer konnte sie zwingen? — und die Schmach war tot. Auf ganz korrekte Weise tot.

Eine Nacht lang rang sie nach Gerechtigkeit. Das Todesurteil über diesen Bastard zu verhängen, war ihr gutes Recht. Ja. Doch hat eine gravide Frau ein Urteil? Eine arme belastete Irre nur ist sie, mit verdrängten Nerven; ein Wesen mit verschobenem Kern. Wie, wenn sie erwachte, vom Druck befreit und die bös verzerrte Welt, die durch das Doppelich Gebrochene, war wieder eins und heil. Alles wieder gut, und jenseits der Nachtmahr stand der geliebte Mann, frei von Schuld, und zwischen ihnen lag das vernichtete Kind. Es war nicht auszudenken. Sie spornte sich an die Tat heran, wie an eine Hürde. Ein Bravourstück ihres alten „Noch-Nocher“. Sie mußte hinüber. Aber um Gottes willen rasch. Hinüber in die Gewißheit.

Auf seiner Klinik hatte sie eine letzte Unterredung mit dem Geheimrat. Beschwor ihn, sie nicht zu schonen, aber das Kind müsse leben, um jeden Preis. Stürzend durch die stechende Süße des Chloroforms, noch aus dem Abgrund herauf, lispelte sie durch das Zählen hindurch immer wieder: Telegramm, Telegramm. Hatte Auftrag gegeben, während sie noch bewußtlos, Ralph Herson sofort die Geburt des Kindes zu melden.

Lange war nichts. Vielleicht ein Jahrhundert. Dann wurde sie zur Erde, und ein Bergwerk voller Stollen hämmerte und zerriß dumpf ihr Inneres, riß durch alles durch und plötzlich rotierten vierzig Rasiermesser in ihr, Arzt und Wärterin hielten Arme und Beine. Nach vier grauenvollen Tagen und Nächten war die erste Frage nach der Post. Nein, nichts da. Ob sie das Kind sehen wolle, es sei ein so schöner Knabe.

Nein, die Post.

In der Klinik sprach man von nichts anderem. Diese fremdlinghafte Dame. Ganz allein. Flehte um die Operation und wollte dann nicht einmal ihr Kind sehen. Frug nur immer um ein Telegramm. Acht Tage, vierzehn Tage. Der Geheimrat stand vor einem Rätsel. Medizinisch ging alles bei dieser Vitalität ans Wunderbare grenzend gut, und die Patientin wurde immer elender. Aß nicht, schlief nicht, verfiel. Nach drei Wochen hieß es, ein Herr sei da, ließe diesen Brief übergeben, warte auf Antwort.

Sie schickte die Pflegerin fort. Legte die Wange auf den Brief und schloß die bebenden Augen. Streichelte ihn lange, öffnete endlich andächtig den Umschlag.

„Geehrte gnädige Frau,“ stand mit Bleistift, flüchtig gekritzelt. „Ich halte wohl eine Besprechung jetzt nicht für unbedingt notwendig und um so weniger dringlich, als ich selbst in hohem Grade der Erholung bedürftig bin. Eines ist aber doch vielleicht wichtig, und zwar eine unterzeichnete Erklärung Ihrerseits, daß alle nötigen Schritte getan werden, um mir die Vormundschaft über Ihr durch Kaiserschnitt von Geheimrat C. zur Welt gebrachtes Kind zu übertragen, ferner Ihres Einverständnisses damit, daß alle Abmachungen über Unterhalt, Aufenthalt, Aufzucht des Kindes zwischen uns, ohne Prozesse oder Geltendmachung rechtlicher Ansprüche Ihrerseits spätestens in zwei Monaten getroffen werden.