„Ein Jahr bin ich jetzt hier und hab’ sie nie gesehen. Wußte bisher nur, daß bei den Weddas, dem beinah ausgestorbenen Affenurvolk Ceylons, das nicht bis fünf zu zählen vermag, etwas wie Monogamie, Gesetz und Zwang besteht. Wie hätte ich bei der berühmten weißen Rasse darauf verfallen sollen? Nun erst verstehe ich den Größenwahn, den Zynismus, die widerliche Arroganz des weißen Männchens gegen alle Frauen ganz. Die Gnade und Affaire, wen er mit seiner einen, einzigen, kostbaren Hand beglückt, umkrochen von den überzähligen Weibern. Welche Schmach der Europäerin, daß sie das duldet, ihm Macht gibt, so viele ihrer Schwestern notwendig zu erniedrigen, dies Wettwimmeln der Eierchen um das Sperma: welche Perversion der Natur!“

„Doch was geht all das mich — was geht einen gesitteten Asiaten dieser Qualstall an, in dem bösartige Irre einander dafür bezahlen, sich gegenseitig in infernalischen Netzen Hirn, Kehle, Gedärm und Geschlecht abzuschnüren? Wie bin ich in die Gefangenschaft weißer Barbaren geraten? Wirklich durch nichts, als eine einzige Tat natürlichen Anstandes allein?“

„Monogamie ist die größte ethische Errungenschaft des Christentums,“ sagte der Verteidiger gekränkt in seiner tiefsten Rasseneitelkeit, denn er war Jude.

„So habt ihr es sogar dahin gebracht, das klare Urfeuer eurer Lenden stinkend zu machen? So ordnet sich bei euch Geschlechtsverkehr nicht nach Physiologie, Medizin, Bevölkerungszahl des Augenblicks —, nein, nach irgendeinem Hokus-Pokus, viel tausend Jahre alt? So bedroht euer Staat — wie immer man es machen möge — in der Liebe den einen oder anderen Teil mit schwersten Strafen: durch Einehe, den Mann mit lebenslangem Sexualkerker, ohne Ehe, die Frau mit Ächtung, Verlust der Kaste und Ruin? So bringt Europa es richtig fertig, all seine passager entstandenen Wahnsinne noch zu verewigen, ohne daß gegenteiliger Blödsinn sich etwa aufhöbe — welch ein Wunder wider die Natur.“

Bis zur Verhandlung glaubte er es doch nicht recht, wußte es noch immer nicht, wie ihm geschah.

Dann saßen eines Tages fünf beisammen und hielten wirklich über ihn Gericht, Barette auf den Glatzen.

Dem einen ragten Knöpfelschuhe, dem anderen Schnürstiefel, dem dritten das Ende eines Sockens unter priesterlichem, unreinlich wallendem Gewand hervor. Dann stand ein sechster auf: der Staatsanwalt. Begann ein langes, trostloses Geschwätz von der Verletzung ethischen und sittlichen Gefühls, als höchsten Gütern der Kultur. An allen Wänden hingen Zettel: das freie Ausspucken ist untersagt.

Erst ganz am Ende, als sein Verteidiger sich erheben wollte, da fuhr auch er empor:

„Nein, ich; Sie schweigen.“

Sibyl zu Tod gehetzt, und da saß Gargi: seine liebe Gazelle „als Zeugin,“ von Fragen geschändet für ihn — durch ihn. Nun wuchs er klar über die Empörung und stand auf. Höflich, ruhig war seine Stimme, wie eines Wägenden und Richtenden.