„Was ist, ‚Beleberin der Herzen‘?“
Ihre Wimpern wiesen vor sich, stürmischer Sieg stand auf in dem jünglinghaften Gesicht:
„Jugend soll unaufhörlich Feste feiern! Jugend ist das Leben. Welcher Wahn, welche Torheit, sie in Vorbereitung auf das Leben verschwenden, also auf etwas, das mit ihr selbst erlischt. Alles den unlädierten Wesen. Es lebe die Immatura.“
„Falls die Erziehung vor der Geburt vollendet war, dann“ — er verbeugte sich leicht gegen sie — „mögen die Feste in Freiheit kommen.“
Sie nickte. „Wissenswertes läßt sich ja so nicht lehren, nur gebären, das ist: unbeirrbarer Sinn für das Echte. Er, aus dem die unbeweisbare, allmächtige Prämissenbildung aller Urteile erfließt. Das geht nicht von Mund zu Ohr, nur von Blut zu Blut. Die wahre Alma mater aller Fakultäten, Fähigkeiten bleibt ewig die Plazenta.“
Ihr Auge weidete auf den Farbensäulen, in die sie das Licht zerbrochen, so groß sonst nur als unfaßlich freie Glorie über Wolkenrändern — hier von einer Frau in ihr Gemach verdichtet, gezwungen, es zu füllen bis zum Rand.
„Bildung“ — eine Welle rann unbewußt durch ihre Hand und wie eine Erhellung in die Luft hinüber — „alles liegt schon im Wort — ‚gebildet‘: was von innen heraus ringsum ausgeblüht, sich planmäßig Gestalt erzwang: Struktur. Im Gegensatz zu dem, was noch amorph ‚ungebildet‘: ein Haufen Schlauheiten — Meinungen — Instinkte — Urteile bestenfalls. Erbmassen, durcheinanderkollernd wie Schrotkörner in einem schlaffen Beutel, an den Schwanz eines kopfscheuen Affen gehängt.
Nein, Bildung ist keine Angelegenheit des Großhirns, — ist Puls, Haar, Haut, Geschlecht — das — das.“
Und ehrfürchtig, fast zaghaft, fast ein wenig errötend, nahm sie, wie etwas über die Maßen Köstliches, Gargi in ihre Arme, die lautlos in die halbdunkle Apsis zurückgeflogen kam und mit Füßen — schmal wie Schwalben — durch die Fesselringe in ihre Sandalen aus weißem Antilopenleder. Bückte sich zugleich nach dem Stück silbergesäumter Seide am Boden; drei, vier unbegreifliche Griffe: ein Sarong. Vor Sekunden noch nacktklarer, halbdurchscheinender Sylph, stand Gargi nun: ganz Dame wieder und bekleidet ohne Fehl.
„Die Erziehung eines Kindes hat vor seiner Geburt vollendet zu sein.“ Diesem chinesischen Lieblingssprichwort treu, hatte Diana Elcho sich zwar stets bemüht, ihrem Sohn die besten Lebensgelegenheiten zu schaffen, es aber völlig ihm überlassen, wie er sie verwende.