Über das zerhackte Gezappel des Lebenshaufens floß es plötzlich als großer Bronzeton Asiens hin — Chinas. Oh, Glocken. Wie warm. Er sog die tönende Welle tief in seinen Leib, ging ihr nach über einen Platz — über Stufen — durch ein braunes Tür-Kissen in den Duft von erkaltetem Orient hinein und einen großüberkuppelten, menschenleeren Raum. Flammicht verschroben war alles an ihm: schraubenförmige Säulen, als wollten sie jeden Moment, wahnsinnig rotierend, sich in den Boden einbohren und verschwinden, entließen oben Wolken aus steinigem Eiter; aus allen Ecken quoll es, bauschte sich grau, mit grellen Papier-Rosen behängt.

Gewesene Menschen schlurften die Nischen entlang, knicksten vor einem schlechten, angenagelten Akt. Reste von Weibern waren in triefäugiges, klangloses Plärren vor ihm versunken. Nein, versunken nicht: ihre Rattenaugen funkelten dabei aus dem Halbdunkel ganz nüchtern gegen die beiden freien und stillen Fremden. Er wischte sich die Schleimspur dieser Blicke vom Gesicht.

Aus graumarmornem Schaum und winselnden Gebärden, aus schrägem Gehimmel gemalter Posen, von überall kroch es flammicht um den schlechten, angenagelten Akt.

Um ihn schienen die versteinerten Unluststoffe einer ganzen siechen Welt zu Prunk geballt. Als hätte ein riesiger und bleicher Buckliger mit schiefen Leichenfingern sich eine überladene Apotheose eigner Dekrepidität an diesem Raum geschaffen. Doch warum waren die wonnigen Glocken und Asias Duft gerade an diesen welken, eigensinnig verschrobenen Ort für erloschene Menschen gebunden?

Am Tore suchte er nach einem Anhalt, wo er eigentlich gewesen, fand über dem Portal etwas von „Jesu“ oder „Jesuiten“. Es klang ihm wie fernes Befremden ums Ohr. Hing das nicht mit dem Privatfetischismus jener kleinen Barbarenhorde, den entlaufenen Sklaven der Ägypter und ihrem seltsamen „Herrn“, zusammen, in deren Chronik er einmal geblättert? Hatte so ähnlich nicht der kleine Volksführer mit seiner Predigt gegen die Bildung, der so viel sprach und den „Heiden“ Plappern vorwarf, geheißen, jener, der sich auch noch gerühmt, Sohn des polternden „Herrn“ mit den schlechten Manieren zu sein.

Ach ja, wie hatte das doch geheißen: „Denen wäre besser ... Mühlstein um den Hals, wo es am tiefsten ist ... ersäufen.“ — „Da wird sein Heulen und Zähneklappern“ ... „Und werden sie in den Feuerofen werfen“ ... „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“.

Ja, ja, richtig. Also das gab es auch noch; nicht nur in historischen Fachbibliotheken für ethnographische Kuriosa? Die aggressive kleine Horde lebte demnach bis heute, hatte hier auf europäischem Boden sogar eine Zweigniederlassung ihres barbarischen Fetischismus mit seiner Saat von Bosheit, Anmaßung und Intoleranz.

Draußen auf der Treppe schwankte ein stoßender Klumpen Kinder hin und her, hieb und spie gegen eine aufheulende rosa Masche. Unter der rosa Masche kratzte und biß es zurück. Umsonst. Aus dem Zopf gerissen, verschwand der grelle Fetzen in einer Schmutzlache. Aus viereckigen Mäulern pfiff die Gemeinheit. Dann riß ein Bengel aus der Rotte ein Holzgewehr an seinen grindigen Schädel, und sie spielten „totschießen“.

Vor einem Haus lehnte ein großer Wagen, leinenumspannt, „Möbeltransport“ stand darauf. Er war durch eine Nabelschnur von Dingen mit dem Leib des Hauses verbunden. Wacklig, schief, freudlos und irrsinnig hing es aus ihm heraus, stand noch: künstlicher Unrat, auf der Straße, bis unter das Tor und eine falschgebogene Treppe hinauf.

Bis unter das Dach hörte man Schleppen und Poltern schwerer Gegenstände. Damit ward nun die schiefe Räude vollgestopft. So sah es also da drinnen aus — und da drinnen lebten wirklich Leute mit solchen Sachen den ganzen Tag zusammen.