Im Bühnenrahmen stand eine Greisin in weißen Lederhosen, den Kopf voll roter Wolle. Fingerdicker Ruß hing um die kahlen Augen, ein Klumpen Saccharin zerging im Mund zu Lächeln, während sie Küsse um sich streute mit verwesender Hand. Kokett schleifte das linke Bein nach.

Was war das?

Er erinnerte sich des erläuternden „Echo de Paris“ in seiner Tasche, entfaltete es. Richtig, die gefeierte Tragödin verfügte über ein neues Kunstbein. Hier war es abgebildet, neben dem Abgeschnittenen, und dort war der Stumpf; erst für sich, dann mit der Prothese, Bild des großen Operateurs, wie er gerade operiert, Bild des großen Dichters, wie er gerade dichtet. Es stand, wieviel die Operation gekostet, wieviel dadurch der berühmten Tragödin an Spielhonorar pro Minute entgangen, wieviel hinwiederum (pro Minute) die amerikanische Tournee eingebracht. Dann kam der Genius Frankreichs. „Gloire“ stand in den vier Ecken, und eine Trikolore flatterte über alles mit Stumpf und Stiel.

Das Drama selbst handelte aber gar nicht von Kunstbeinen, sondern hieß „L’aiglon“: der junge Adler. Die grauenhafte Greisin war der junge Adler. Nun krähte sie gebrochen auf.

„Oh les cloches d’or“, und an drei verschiedenen Stellen des Parketts rissen auf einen Wink kurze Männchen mit schwarzen Bärten begeistert an ihren Adamsknorpeln; wieder knallten Handschuhe, und ganze Wolken weißen Schmutzes stoben aus den Frauen. Man snobte Tobsucht und starrte einander dabei, mit bösem Eis übergossen, roh und hart in die Kleider.

Nach einer Weile versuchte die grauenhafte Greisin schlimm zu sein — so recht bubenhaft und ein wenig pervers schlimm: spannte Glacéhöschen in den Augpunkt, saß rittlings auf Stühlen herum, kapriolte schließlich rasselnd über ein Sofa. Die Prothese knarrte, und das Publikum schrie: „vive la France“.

Zum erstenmal drang ein Gefühl durch die Augen in ihn — oder war es ein Zustand — etwas, für das er noch keinen Namen hatte, das, durch die Augen eingeschlichen, ihn von innen würgte, das er hätte herausspeien mögen aus diesen seinen Augen. Ekel vor dem Alter? Er fühlte sich doch frei von jenem Männchendünkel, Wirkungen, weil sie von einer Frau kommen sollten, ausschließlich nur mit einem Körperende werten zu wollen und höhnisch gestimmt zu sein, blieb dieses stumpf; wußte: was begreift ein Glücklicher vom Glück — ein Gequälter schon von der Qual? Liegt ihre funkelnde Essenz nicht vielmehr erst im Alter und auf der andern Seite des Vergessens, bereit für eine welke Auserwählung, eine, die, über ein langes Leben gebeugt, aus ihm erst den Rhythmus nachzuschöpfen vermöchte etwa einer Kassandra, wenn sie vom geschleiften Ilion herab — bekränzt und fackelschwingend — mit jauchzenden Flüchen in die Schändung getanzt kommt; orphisch entrückt die Wirbel des Untergangs in das verhaßte Königshaus hineintanzt.

Nein, am Alter lag es nicht.

Das eine Ohr der Tragödin begann jetzt zu tropfen. Ihre Kapriolen über das Sofa nebst den restlichen Leibesübungen machten, daß Rötliches und Fettiges von ihm absickerte. Unter dem abgemagerten Kopf hing ihr ein Kuheuter zwischen Vatermördern herab. Gut. Doch was war mit dem fettgewordenen Leib geschehen, das ihm dies Unmenschliche geben konnte?

Einen Kontur, wie ihn kein Gebrest, kein Geschwür, keine organische Entartung je zustande brächte, denn diesem Leutnant wuchs — stahlhart — eine schiefe Ebene vom Abdomen in den Raum hinaus, so, als hätte er eine gespaltene Pyramide verschluckt, ohne sie richtig verdauen zu können. In dies schräg abstehende Korsettgerüst vor dem Magen hatte man nun von oben die Brüste hineinversenkt und verteilt, von unten hinwiederum die Eingeweide hinaufgeschraubt; beides wohl um des Knabenhaften willen.