Eine fahle, lange Angst begann ihn zu drosseln, jede Blutader einzeln in ihm abzudrosseln wie einen Wasserhahn. Ersticken dürfen — wie einem wirklichen lebendigen Wesen zu ersticken vergönnt — Wohltat mußte das sein. Er betastete seinen Fuß: fremd, hart und so weit weg.
Doch hätte er nicht zu sagen vermocht, was es denn war, das Namenlose; höchstens, was es nicht war: nicht Hohlform, ist sie doch Abdruck noch eines Leibhaftigen, nicht Negativ, dem zum Grunde Positives liegt, auch keine aufgeblasene Nichtigkeit, denn auch ihr, selbst ihr noch lebt ja im Innersten verquollener Anmaßung ein Korn Sein.
Er schauerte zurück, wich hinter sein erschrockenes Herz, wich weg von dem verjauchten Jetzt, wieder in die reine Frühe seines Morgentraumes über dem nachtblauen Reich mit den kristallnen Achsen.
War damals unter den „Kegelschnitten Gottes“ — in dem Manuskript, das ihm Erasmus gezeigt — nicht etwas gewesen, ein von sich selbst Abgekehrtes, aus sich Verstülptes Fünftes, bisher Unvorstellbares, weil es im Gegensatz zur göttlichen Sucherin: Parabel, sich vom Brennpunkt alles Seins abzukehren hätte, um seinem Gegensatze zuzueilen? Ein schlichthin Infernalisches, dem selbst die Mathematik — die über allem Stehende — das Symbol verweigert?
Ein Unsein. Dieses Unsein.
Da brach er aus, zerbrach das üble Joch der Hoffnungslosigkeit, trat, stieß, riß wie ein süperbes Tier sich einen Weg durch keifende Reihen, an schiefen Goldleisten vorbei, hinaus unter die Sterne. Mit freiem Haar, ohne Überrock ging er nach Hause. Noch einmal umkehren, seinen Pelz, vom Eisenhaken herunter und mit schmierigem Strick umschnürt, wieder aus den Händen der Abortfrau empfangen — nein. Riß sich im Ritz auch noch die restlichen Kleider herab, ballte alles zu einem Bündel, warf es aus dem Fenster auf das rußige Glasdach des „Wintergartens“, bürstete unter dem brennheißen Strahl im Badezimmer sich fast die Haut vom Fleisch — reinigte Kehle und Mundhöhle — sog Unreines zu tiefst aus den Lungen herauf — stieß Frische hinab; in vier Spiegeln stand sein blendender Körper.
Aber es wich nicht. Und ihm fiel ein: durch die Augen war er vergiftet worden. Lehnte seinen Kopf an Gargis Tür — lange. Riß sich zusammen, klopfte, trat ein. In einem fernen, zarten Gewand des Ostens sah er sie wie durch kannelierten Rauch. Sie kauerte auf Kissen und spielte ein wunderschönes Spiel mit ihren Armen. Der Hals, weich auf die Luft gelegt, trug über sich im Haupt eine Wage voll Köstlichkeit. Unter der Stirnagraffe: dem Zünglein aus Rubinen, schwebten weit und wagrecht Augenschalen voll flüssiger Magie.
Sein zerrütteter Kontur ließ sie aufgleiten, ihm zu.
„Geh auf und ab. — So. Nimm ein Glas. — Stell es wieder hin. — Schlag ein Buch auf. — Blättre um.“
Auf dem Diwan sitzend, die Ellenbogen auf den Knien, die Schläfen in den Fäusten, trank er jede Bewegung mit den Augen aus, bis zur Neige. Wie ein Vergifteter Milch durch seine arme Kehle rinnen läßt, so schluckten seine Lider. Und sein Blut ward süßer, denn ihr Verstehen war bei ihm; erriet im voraus den Durst seiner armen Augen. Bald wurde sie Ärztin und Arznei zugleich, verließ seine planlosen, aus hilfloser Angst in der Irre tastenden Befehle, und nun sah er sie auf sich zukommen wie die Genesung im März, mit der edlen Entschiedenheit eines Tieres und über allem der Blumenmensch mit durchleuchtetem Haupt, und die Wahrheit ihrer Gebärde ging durch ihn hindurch wie ein Schwert.