Horus ging weiter. Tief herauf aus der Gegend der Privatkomptoirs: Apisgräbern mit Safes, drang „machtvoll dreischlündiges Bellen“. Schüchtern schienen Beteuerungen, Beschwichtigungen ihren Diplomatenschleim drüber streichen zu wollen. Elihu Lincoln Rosenbusch, einer der gefährlichsten Aasgeier von Wallstreet, mit einem kalten Cherubkopf, hatte eine Flasche Gingerale im Werte von sechzig Centimes zu viel auf seiner Wochenrechnung gefunden.

Alle vier Direktoren hatte er sich daraufhin kommen lassen, sein eigener Privatsekretär — er hatte den Irrtum übersehen — zerfloß in Schlotterschweiß, und nun ging der Alte daran, gewaltige Abzüge herauszuschinden. Dafür war er berühmt. Einer der wenigen so Reichen, daß sein Name nur mehr in Anfangsbuchstaben in den head lines der Zeitungen zu erscheinen brauchte, gab sein als Sport betriebener Geiz in persönlichen Ausgaben fast jede Woche den Journalisten Stoff zu Überschriften:

„E. L. R. erwirbt eine rosa Unterhose bei Giles und Smallweed um zwei Dollar 5 cent. Findet einen Webfehler, fordert Schadenersatz, gleicht sich aus, indem er das Warenhaus übernimmt, verkauft die rosa Unterhose in eigener Regie weiter, trägt nun wieder seine alte Gelbe auf.“ Oder:

„E. L. R. verdient an der Instandhaltung seines Golfplatzes jährlich 7680 Pfund Hammelspeck! Schickt Gärtner und Mähmaschinen fort, läßt die greens von Schafherden kurzfressen.“

Pausierte denn der Schacherkrampf nie und nirgends? Und wo er nicht in den Worten, da zog er sich unter der Haut hin, durch Blut, Herz, Hirn und Traum. Dabei war ihm vieles aus diesen Gesprächen, noch mehr an den Sprechern, unverständlich geblieben. Welchem Kulturkreis, Kasten gab es ja nicht, wie er erfahren, konnten etwa diese beiden Mädchen angehören? Er begriff es nicht. In Joshivara, der Luststraße Tokios, war er gewesen, in den Freudenhäusern Ispahans — kannte die Courtisanen von Madura und Travankor. Aber die letzte Pariafrau des letzten Hafenbordells Ostasiens hätte ihr erotisches Niveau nicht so gedrückt, selbst um ihren Preis zu feilschen. Bei den freien Prostituierten ordnete der Mittler oder eine Dienerin die pekuniäre Frage; in den öffentlichen Häusern wurde gleich beim Eintritt schweigend ein Betrag erhoben, dann erst erschien, unter Wahrung jeder Illusion, das Objekt der Liebe selbst: ein höflicher, sanfter, zwitschernder Traum. Anders hätte es die erotische Verwöhntheit eines Kuli nie ertragen.

War vielleicht das ganze Hotel ...? Doch nein, er erinnerte sich nicht, auf seiner Wochenrechnung einen derartigen Posten gefunden zu haben. Auch hätte es ja, den Reden nach, ein öffentliches Männerhaus sein müssen, wie jenes, das er in Paris besucht.

Er fühlte wohl, daß da, rätselhaft noch in ihren letzten Ursachen, eine Sexualnot ohne Gleichen schrie aus solcher Depravation. Die beiden Frauen aber hatten auf alle Fälle aufgehört, es für ihn zu sein: Erreger seiner schöpferischen Phantasie. Und dieser romanische Ephebe: wodurch wurde dieses Männchen mit seinem eisig lümmelnden Gockeltum, das jede asiatische Dame abgestoßen hätte, zu einem Wertgegenstand?

Er lief mit den Augen über Hall, Salons, Bar. Endlich in soviel Geiz, Grelle und Gier das erste glückliche Gesicht. Der frohe Mann ruhte, einem friedlichen Engerling gleich, hell und fett mit dem Ausdruck verklärter Dankbarkeit gegen Gott und die Welt in einem easy-chair. Sein einziges Kind war hier im See ertrunken, und so war es auch der einzige Ort, den seine Gattin mied. Hier war er sicher. Überall anders hin reiste sie nach, nahm mit stürmender Hand Freudenhäuser, in denen sie seine Anwesenheit vermutete, überschüttete ihn dann mit tätlichen Insulten, Ehebruchsklagen; scheiden ließ sie sich nicht. „Bis zum Tod“ war die Devise ihrer zähnefletschenden Treue.

„Margot — Margot.“

Widerwillig löste sich ein leuchtendes Mädchen aus der Gruppe College boys auf Weihnachtsferien. Wie Enden des jäh abgerissenen Flirts wehte es hinter ihr her. Die Knaben wachten auf aus ihrer Freude, empfanden wieder die eigenen Bernhardinerpfoten überall um sich im Weg und wurden knurrig.