[7] Vergl. [S. 107 ff.], [154.]
Fünfzehntes Kapitel.
Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. — Zweifel und Unruhe. — Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.
Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.
Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben abzufassen — ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.
Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile, die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin. Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig« zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau, ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen, überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens für den Youth’s Companion zu schreiben. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht durchgeführt haben.
Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte, ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern, in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis des Lebens.
Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.
Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben fühlte.
Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine Bedeutung hat dies für Sie? — Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die Güte ergründen oder definieren kann.[8]