Achtzehntes Kapitel.
Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung für das Radcliffe-College. — Wunsch, eine Universität zu besuchen. — Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. — Befriedigende Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«, »Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. — Shakespeare, Burke, Macaulay. — Zusammensein mit sehenden und hörenden Altersgenossinnen. — Mildreds Aufnahme in die Schule. — Prüfungen.
Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. — Auf die Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich, dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen, schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner kindlichen Erklärung nahebringen sollte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das Fingeralphabet zu vermitteln.
Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor
Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf englische Geschichte, englische Literatur, Deutsch, Latein, Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen. Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden, und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das Deutsche.
Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse, die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren, und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut, um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.
Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten, in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten, die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige einer solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten, um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln konnte.