Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen.

Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt? Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin, und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen die Pforten der Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den Geruchssinn ermöglicht wurden.

Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen — und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich, in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die Hand buchstabiert worden waren.

Erinnerung — durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären, das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes — ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“

Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die: Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt: So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das Wort »süß« in die Hand, — so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte.

Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja das Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin.

Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als sehen.“

Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis gelingen würde.

Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen. Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.“

Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und außergewöhnlicher Kultur — aber niemals verblüffen sie durch eine besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns — nicht aber ein origineller Geist, der neue Werte prägt.