Am 11. November 1901 wurde Dr. Howes hundertjähriger Geburtstag in Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren Verwandten Dr. Edward Everett Hale (vergl. oben [S. 139]) folgenden Brief:
Cambridge, 10. November 1901.
Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten Wiederkehr von Dr. Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es, daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt hat.
Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl gewesen wäre, wenn es Dr. Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine Schülerin des Radcliffe College sein — wer vermag dies zu sagen? Aber es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf Dr. Howes große Leistung hätte sein können.
Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie durch die eigene Ohnmacht niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist, zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden vor dem Beginn von Dr. Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt, daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.
Es ist ein erhebender Gedanke, daß Dr. Howes edles Unternehmen den ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.
Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin ich
in treuer Liebe
Ihre Freundin
Helen Keller.