Längst schon steht die geistvolle, gedankentiefe und gemütsinnige Verfasserin u. a. der Romane »Das Recht der Mutter« und »Halbtier« – namentlich »Halbtier«, wo in wahrhaft monumentaler Weise dem neuen Weibe neue Wege gewiesen werden – sowie einer Reihe äußerst reizvoller, stofflich und in der feinen künstlerischen Form reizvoller kürzerer Erzählungen und Skizzen in der vordersten Reihe unserer Schriftstellerinnen. Die Kunst, mit der sie in einer ganzen Reihe von Novellen die Zeiten und Menschen des Goetheschen Weimar lebendig vor uns auferstehen läßt, ist nicht minder groß als die, im scharfgezeichneten und echtfarbigen Milieu das allgemein Menschliche ebenso überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Zwei solcher altweimarischen Geschichten, die mit zuerst ihr zu lautem Erfolg verhalfen, sind trotzdem erst jetzt in zweiter Auflage erschienen in einem Bande, der nach der ersten dieser Novellen »Der schöne Valentin« betitelt ist. »Der arme Valentin« könnte sie auch recht gut heißen. Denn nicht zu nützen wußte der Antinous-schöne Knabe und Jüngling die reichen Gaben, die ihm die Natur verliehen hatte, außer der Schönheit die Träumerei und das phantastische Drängen und Treiben. So fließt ihm das Leben gleichförmig hin, und nur einmal zeigte sich ihm von fern ein wunderleuchtendes Glück, das ihm aber zum Leid ward damals, als er während seiner Lehrzeit in Bayreuth die verführerische kleine Wanderkomödiantin Lulu kennen lernt, die ihn lieb hat und doch auslacht, den wunderlichen Jüngling, zwischen dessen Schönheit und Wesen kein Zusammenhang besteht. Und doch auch wiederum nicht »arm« ist der Valentin. Denn wenn er zuletzt wieder auf dem »Kannerückchen« in Weimar sitzt, wo er geboren worden und seine Kindheit verlebt hatte, als wohlbestallter Geigenmacher und behäbiger Familienvater sitzt, da kennt er keine Unzufriedenheit – was er in jenen fernen Tagen geträumt und gelitten und wie sein ihm unbewußter Künstlersinn ihn einmal eine gar phantastische Tat ausführen ließ, seinem heimlichen Lieb zu Liebe, aber nicht zu Dank, das hatte seinem ganzen Leben doch eine gewisse Weihe verliehen, und es zaubert ihm auch jetzt noch Träume auf in seinem schlichten Gut-Bürgermanns-Leben.

Wie reich ein solches Leben in all' seinen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten doch sein kann, davon erzählt uns Helene Böhlau in der zweiten Geschichte: »Die alten Leutchen«. Man denkt dabei an Wilhelm Raabe und Charles Dickens und doch ist's durchaus Eigengewächs. Nur jener feine Duft des Altfränkischen und die liebevolle Vertiefung in das schlichte Seelenleben einfacher Menschen und die humorvolle Zeichnung ihres Tuns und Treibens sind die gleichen. Wie gewinnt man sie lieb, den braven, nüchternen Gewürzkrämer Balduin Häberlein und sein spießbürgerliches und doch so anmutiges Weib, die Anne, und die prächtige Jungfer Funzel Quittenbaum, wie freut man sich mit Anne, die an ihrem Lebensabend endlich die ihr »angemessene Umgebung« finden darf; wie stehen sie lebendig vor uns, die ewig süßsaure Salome Thorspeck und ihr unausstehlicher Sohn Leander, der lange Schlapps, die das Herumnörgeln am Leben so gut verstehen und das Talent besitzen, auch anderen alles zu verekeln.

Hier taucht auch einmal die Persönlichkeit Goethes auf, nicht unmittelbar, sondern als Dichter des Liedes »An den Mond«, das auf Anne einen so wunderbaren Eindruck machte. Er war wohl ihr bester Kunde, der alte Herr Geheimrat Excellenz, aber – so was hätte sie ihm doch nimmer zugetraut. Diese Episode allein schon offenbart mit großer Kraft die feine Menschenkenntnis und die schöne Kunst der Menschenschilderung, über die Helene Böhlau gebietet.

Ganz in den Zauberkreis, der sich in Alt-Weimar um Goethe wob, bannt uns die Dichterin in einer neuen Folge altweimarischer Geschichten, in dem wundervollen »Sommerbuch«. Das Titelblatt schmückt eine Zeichnung von Hans Thoma. Ein Mägdelein, auf blühender Wiese knieend, bricht Blumen; zwitschernd umflattern sie Schwalben, um dann hoch zum blauenden Himmel aufzuschießen in seligem Flug; Äcker und Fluren mit fleißigen Feldarbeitern weiter hinten und eine Landstraße; Sommerlust und Sommerzier, so weit das Auge schaut …

Und von Sommermenschen erzählt Helene Böhlau in den fünf Geschichten. Immer mit dem gleichen feinnervigen Frauenempfinden, das hier in weichen lyrischen Stimmungen ausklingt, dort in leidenschaftlichen Schwingungen aufschnellt, und in der gleichen plastischen Sprache und farbensatten Charakteristik … Im Mittelpunkt der Sammlung steht die rührende Erzählung »Sommerseele« und im Mittelpunkt dieser selbst das Töchterlein der Pfarrerswitwe von Süßenborn, Alma, die da meint, »jedermann müsse einmal blühen wie ein Rosenstrauch oder wie unsere Lindenbäume«. Und auch sie blüht so auf unter den Strahlen der Sonne, die Goethe heißt, und so heiß waren deren Strahlen, daß Aufblühen und Todeswelken eins war. Ein Sommermensch auch ist der Kolonialwarenhändler Uerle, der alle vier Töchter der Witwe liebt, jede in einer anderen Jahreszeit, am heißesten aber die Sommerseele Alma. Und ebenso heiß auch liebt er den, an dem sie starb, den Dichter des »Werther«. Und ist selbst auch ein Dichtergemüt, ohne daß er es weiß und ohne daß sonst jemand es ahnt … Der Hauch und Duft der Wertherzeit liegt auf diesem Kabinettstück … Und ein sonnenbedürftiger Sommermensch war auch jenes andere Pfarrerstöchterlein, die Anne Marie, die wir in der ganz kurzen, aber herzbeweglichen Geschichte »Der dichtverwachsene Garten« kennen lernen, in dem ihr heißes Jugendfeuer verbrennt, ungesehen und ohne daß es einen lieben Menschen gewärmt hätte … Da war das Los lieblicher gefallen der Landwirtstochter Maria Immenbach. Ein Dorotheen-Typus, wie Goethe ihn in seinem Epos geschaffen. Aber mit den Augen eines modernen Frauentemperaments gesehen. Die Geschichte der traurigen Ehe dieses kernhaften Naturkindes an der Seite eines gelehrten Universitäts-Philisters ist's, die uns hier erzählt wird in »Mutter-Sehnsucht«. Diese Sehnsucht Marias, eine Sonnensehnsucht, wird erfüllt – nicht durch den Gatten, sondern durch einen Dritten, einen Jugendfreund, dem sie fortan auch angehören wird, denn der Philister, einsichtsvoll, gibt sie frei und spricht sie aller Schuld los und ledig … Zwischen diesen ernsthaften Geschichten eine köstliche Humoreske – »Jugend« – vom Jüngling, der nach Weimar auszog, den angebeteten Goethe zu sehen, und der in seliger Sommernacht ein süßes Hexlein findet und wieder verliert und Goethe zu sehen darüber vergessen hat … An der Spitze des Buches aber steht die Geschichte der »Regine«, die eine Tochter Raupachs, des Dichters, war, und Wirtschafterin bei Exzellenz von Goethe und dann Köchin bei der Großmutter von Helene Böhlau. Auch hier wieder alles voller Goethezauber und mitten drin die herrliche Menschenseele Regine, die man nicht ansehen kann, ohne zu lachen und zu weinen zu gleicher Zeit, diese »geheimnisvolle Person mit geheimnisvollen Gewohnheiten«, die eine lebendige Brücke bildet zwischen Alt-Weimar und der Fabulierkunst unserer Dichterin …


Buchdruckerei Roitzsch vorm. Otto Noack & Co.


Weitere Anmerkungen zur Transkription

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