Und so stiegen sie miteinander die steilen Stufen hinauf, die Gastelmeier eben fest entschlossen gewesen war, nicht wieder zu ersteigen.

Sie schwiegen beide.

›Rebella heißt sie,‹ dachte er, ›also die Olly ist's nicht – die Schwester von Emil. Also auch eine Rebella giebt's da oben!‹ Denn daß sie zu der Inseratenfamilie gehörte, war ihm eine ausgemachte Sache. Sie standen jetzt vor der Thüre, die sich vor kurzem hinter Gastelmeier geschlossen hatte, und Rebella bearbeitete diese Thüre energisch mit einer zarten, aber festen kleinen Faust. »Mama liebt die Klingelei nicht,« sagte sie zur Erklärung.

Das wußte er bereits.

Jetzt hatte er aber Muße, die kleine Hexe zu betrachten; weder Mama noch Emil erschienen, und die Trommelversuche wurden eine geraume Zeit lang fortgesetzt.

Rebella war eine liebliche und zugleich eigentümliche Erscheinung. Blütenjung – zierlich – fast schmächtig – ein feines blasses Gesicht, dunkles lockiges Haar, das nachlässig in einen Knoten geschlungen war, und dunkle, heiße lebhafte Augen, sie erinnerten ihn ein wenig an die der Mutter – deren Augen aber waren blau und nicht warm, nur unruhig. Ihre Gesichtsform fiel ihm besonders auf. Breite Stirn und dazu ein zierliches ausgeprägtes Kinn, – so daß die Konturen sich von der Stirn gegen das Kinn hin schnell rundeten.

Ein Goethescher Vers fiel ihm ein:

Voll Locken kraus ein Haupt so rund.

›Der alte Goethe hat für alles gesorgt, auch für diesen kleinen Balg.‹

Er kannte auch die Fortsetzung des Verses, denn er stand mit seinem Goethe auf einem guten Fuß; aber hier wendete er seine Kenntnis nicht weiter an. Sie war ihm zu unfrisiert, und außerdem hatten ihre Löckchen mit der Palette nähere Bekanntschaft gemacht. Oben auf dem Scheitel waren sie ihr farbig zusammengeklebt, zwar nur ein paar Flöckchen – und an der zierlichen Nasenspitze saß ihr ein gelber Fleck, als hätte sie unvorsichtig an einer Lilie gerochen. Er fühlte sich gewissermaßen gezwungen, die kleine Schweigsame aufmerksam zu betrachten, nicht nur weil er müßig dastand. Sie hatte etwas nicht Alltägliches, etwas Überraschendes, gehörte zu den Rassemenschen mit den beweglichen Nasenflügeln, den elastischen Muskeln, dem zarten festen Knochenbau.