Bleib Herr über deinen Schlaf und gib das Scepter auch um jenes höheren Klatsches willen, den man fälschlich »Ruhm« nennt, nicht aus den Händen. Bruder Tarquinius ist ein dramatischer Dichter; aber der Arzt hat ihm Vorsicht mit seinem Herzen geboten. Er hat einen simplen Gedanken ein für allemal zum Amulett erhoben, und diesen Gedanken zieht er vor jeder Première hervor und küßt ihn; er lautet: Herz ist besser als Ruhm. Freilich denkt er dabei an jenen Ruhm, der darin besteht, daß Hans genau dasselbe meint, was Peter meint, weil Peter meint, was August meint, der sich für seine Meinung auf jenen Hans berufen kann. Der wahre Ruhm ist freilich was ganz anderes.
Der wahre Ruhm wächst nicht aus den Mäulern der Menge, sondern aus den Herzen der Werke. Hast du Anwartschaft auf solchen Ruhm, so sei versichert, daß er in deinen Werken durchaus mündelsicher angelegt ist. Kein anderer kann an dies Vermögen herankommen, und es wird wachsen durch Zins und Zinseszinsen, langsam aber sicher. Vielleicht kommt ein richtiger Ruhm erst nach deinem Tode heraus. Aber Nachruhm ist gerade der beste. Denn dann ist man nicht mehr dabei.
Und hat doch sein fernes Kommen in einsamen Zeiten wie einen erdefremden Duft gefühlt.
Hier schließt die Vorlesung aus den Protokollen der Brüderschaft. Niemand wird die Gemeinschaft der Brüder für eine Bier- und Ruhebank halten, die Faulenzern und Feiglingen Gelegenheit gibt, stumpfzusinnen. Die geruhigen Brüder haben ein Verständnis dafür, daß es Invaliden des Lebens gibt, die sich darauf zurückziehen, täglich an derselben Stelle dasselbe Glas bis zur bestimmten Höhe gefüllt vorzufinden, es in der immer gleichen Zeit zu leeren und dabei auf dieselbe allgemeine Schnupftabaksdose in der Mitte der Tafel zu starren und in der sanften Betäubung dieses stillen Zirkeltanzes das bißchen Lebensrest zu verdämmern – die Brüder vom geruhigen Leben respektieren die Haken, die für die Hüte dieser Invaliden ein für allemal reserviert sind – aber sie haben nichts mit ihnen gemein. Die Brüder vom geruhigen Leben sind Kämpfer. Nur wollen sie den Kampf nicht dort führen, wo er sich nicht lohnt, wollen sie das Leben nicht dort schon tragisch nehmen, wo die Tragödie noch gar nicht beginnt, wollen sie ihre Eingeweide nicht schon opfern in den Vorhöfen des Lebens, wollen sie nicht wie die törichten Jungfrauen ihr Öl verbrennen, bevor der Bräutigam kommt. Sie wollen in dem verdammten »Objekt« keinen Machtkitzel erwecken, indem sie seine kleinen und gemeinen, niedrigen und widrigen, schäbigen und klebigen Nücken und Tücken mit nervösem Ernst behandeln, und wollen ihre Kraft sparen, um das Große zu verteidigen und das Größte, das Schicksal, mit Würde zu tragen. Denn das ist der allerhöchste und allerheiligste Grundsatz unserer Brüderschaft:
»Ein Leben in Wacht und in Waffen wider die Großmächte der Finsternis ist eines Erdenpilgers tiefste Ruhe.«
Max Eyth: Der blinde Passagier.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem 1. Bande des Buches »Hinter Pflug und Schraubstock. Skizzen aus dem Taschenbuch eines Ingenieurs« (Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt, 5. Auflage 1902).
Der blinde Passagier.
Es war kein Hotel erster Klasse, auch keins der zweiten. Für beides hatte ich meine Gründe. Ein erfahrenerer Weltreisender als ich es damals war, hätte behaupten können, der Schwarze Anker zu Antwerpen grenze bedenklich nahe an eine anständige Matrosenkneipe. Aber seine Lage behagte mir, seine Preislage hatte selbst für mich nichts Erschreckendes, wenigstens im zweiten und letzten Stock. Seit zwei Tagen bewohnte ich dort ein Stübchen von holländischer Größe und Sauberkeit. So lange blieben die Gäste im Schwarzen Anker selten; die runde, vlämische Kellnerin zeigte bereits die ersten Spuren mütterlicher Zuneigung, wenn sie mir ein frisches, schneeweißes Handtuch brachte, fast so groß wie ein Taschentuch. Alles schien für die niedlichste Zwergwirtschaft eingerichtet zu sein, in welcher gute, pausbackige Menschen hausten, groß wie Riesen; namentlich in der Breitenrichtung. Man konnte kaum begreifen, wie sie ein und aus gingen. Mein Fensterchen sah nach der Schelde auf eins der großen Wassertore des Kontinents, die in die weite Welt hinausführen. Als ich vorgestern zum erstenmal die glänzende Fläche im Licht der untergehenden Sonne schimmern sah, mit ihren Masten und Segeln, ihren behaglich rauchenden Dampfschiffen, den plätschernden, hin und her schießenden Schleppbooten, die in der größten Eile schienen, heute noch fortzukommen, und immer wieder da waren, klopfte mir das Herz fühlbar. Ich selbst – soll ich oder soll ich nicht?
Etwas müde und nicht so hoffnungsfroh wie gestern und vorgestern war ich nach Hause zurückgekehrt. Das Wetter hatte sich geändert. Ein schwerer Aprilhimmel hing in schwarzen Wolkenfetzen über der Stadt. Bleigrau starrte die Schelde zu ihm empor. Von Zeit zu Zeit fegte ein Windstoß über den Strom und kräuselte ein silbernes Band in die tote Fläche. Die Masten der Schiffe wackelten nachdenklich hin und her, scheinbar ohne Ursache; doch schien es ihnen mit jeder Viertelstunde unbehaglicher zu werden. Jetzt, als ich eintrat, klatschten sogar schwere Regentropfen an die Fensterscheiben. In einer solchen Nacht hinaus in die weite, nasse, fremde Welt? Keines der Schiffe entlang dem dämmerigen Staden, das nicht den Kopf schüttelte!