Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld das wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon erzählt habe – trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf unsrer Bodentreppe und schrieb dort nach Herzenslust – Geschöpfe zauberte ich in mein blaues Heft, die mir ungemein sympathisch waren; sie sprachen und thaten, was ich wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten Einvernehmen.
Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um die Welt hätte ich es nicht irgend jemand verraten mögen – und dennoch verriet ich es selbst und gewann durch diesen Verrat das höchste Glück, das das Schicksal einer schaffensmutigen Seele zu teil werden lassen kann; ich gewann, wie ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der es verstand, mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und Ausdauer anzuspornen; der mir als höchstes Ziel steckte: Wahrheit in jedem Empfinden, und eine freie Würdigung alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches und beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen Weg gehen konnte. – Meine Arbeit, meine Kunst wurde mir die stille Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das alltägliche Leben zu stürmisch oder zu gleichgültig oder gar zu schwer werden wollte. Und ich selbst habe mich immer gewundert, wie gerade ich zu diesem großen Glück gekommen bin – gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je etwas zu erstreben, geschweige zu erreichen.
Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von guten Freunden, getreuen Nachbarn und dergleichen, von Ereignissen aller Art, von meiner Verheiratung, meinen Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich auf Erden kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles ist nur Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat – der volle Ernst – und in seinem Gefolge Kummer und Not, wie ich die Arme nach Hilfe ausstreckte, wie ich verzweifelte, wie ich endlich nach langer Qual genas, davon will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, für Worte kaum erreichbar.
Ende.
Werke von Helene Böhlau.
Das Recht der Mutter. Roman. M. 6.–, geb. M. 7.50. F. Fontane & Co., Berlin.
Der Rangierbahnhof. Roman. Zweite Auflage. M. 4.–, geb. M. 5.–. F. Fontane & Co., Berlin.
Rathsmädelgeschichten. Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden i. W.
Herzenswahn. Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden i. W.