Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch sehen, wer Herr im Hause ist!«

So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen – aber – aber.

Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.

Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.

Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war vortrefflich.

Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.

Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche Frau – dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.

Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.

So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.

Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre der Geselligkeit.