So aufgeputzt stolzierten sie miteinander über den Markt, zunächst der Gassenmühle zu, mit der sie sich längst ausgesöhnt hatten. Budang guckte schon zum Fenster heraus und rief ihnen entgegen: „Kommt rasch herauf zur Tante Concordia, rasch! — Und Ihr habt ja grüne Bänder und habt auch grüne Schuhe!“ Da lachten die beiden über das ganze Gesicht, denn sie wußten gar wohl, weshalb die gute Mutter sie mit dem schönen Schuhwerk überrascht hatte. Es war ihnen sehr wohl und fröhlich ums Herz, und sie sprangen die Treppe hinauf. Oben stand Concordia und hielt zwei Kränze in die Höhe, die waren prächtig voll gebunden aus schönen rosa Malven.
Da rief Röse auf den ersten Blick: „Die Malven hat der Budang stibitzt! Ich weiß auch, wo er sie her hat. Über Goethes Garten, da stehen welche.“
„Dummes Zeug!“ sagte Jungfer Concordia. — Aber ich glaube beinahe, es war etwas Wahres daran, denn der Budang guckte so schlau. — Die Jungfer führte sie vor den Spiegel und drückte ihnen die Kränze fest in die Stirne und sagte mit ihrer glockenhellen Stimme: „Ihr seid doch prächtige Mädel, Ihr Ratsmädchen, und nun macht, daß Ihr auf das Schützenfest kommt!“
Auf der Vogelwiese war ein Gedränge, es schnurrte, lärmte und schrie von allen Seiten und schon von weitem. Wie sie mit Budang die breite Allee hinaufgingen und noch nicht recht wußten, wo sie ihren Groschen anbringen sollten, da sahen sie zwei Männer kommen: der eine, klein und untersetzt, auf der Brust einen prächtigen Stern, der andere von mächtiger Gestalt, stattlich im langen blauen Gehrock. Und alles machte den Männern ehrerbietig Platz. Budang und die Ratsmädchen wußten gar wohl, wer ihnen da entgegenkam. Der kleine war Karl August, der gute und weise Fürst, Großherzog von Weimar; der andere Goethe, der Dichter. Budang zog die Mütze und sagte: „Da kommen sie!“
Und da waren sie auch schon ganz nahe, und die Mädchen standen und knixten, und Budang wußte nicht, was für ein Gesicht er machen sollte, als Karl August Röse und Marie an die Hand faßte und sagte: „Ei, da seid Ihr ja auch, Ihr Mädchens. Kommt einmal mit! Und Du kannst auch mitkommen!“ wendete er sich an Budang, dem das Blut zu Gesichte stieg. Am Wege unter den Bäumen stand die kleine, grüne Jagddroschke von Karl August, die jedermann kannte. Der Großherzog rief den Kutscher und ließ die Kinder sich hineinsetzen, hob selbst die zierliche Röse in den Wagen und nickte ihr zu. „Nun zu!“ rief er. „Nun fahr Er die Bälge einmal tüchtig in die Runde und schaffe Er sie wieder hierher!“ Ganz so sagte er und nichts anders. Jetzt fuhren die dreie in der berühmten Droschke über die Vogelwiese und waren gar zufrieden mit sich und aller Welt; und die Mädchen freuten sich, daß Budang mit ihnen war; denn sie hatten ihn lieb und wußten, daß er es gut mit ihnen meinte. Und alle dreie hielten sich an den Händen, so halb aus Freude und halb, weil es sie verlegen machte, mitten durch die vielen Leute zu fahren, und sie saßen geputzt nebeneinander, und die Sonne schien, und alle schauten ihnen nach. Das war ein herrlicher Tag.
Die dreie aber blieben in guter Freundschaft ihr lebelang und gedachten der glücklichen Jugend, als sie miteinander alt geworden waren.
Und das alles hat mir meine Großmutter erzählt, und da ist kein Wort hinzugesetzt. Sie hat das alles miterlebt, denn das Ratsmädel, die Röse, ist meine liebe, gute Großmama.