Unangenehm war es für alle Teile, wenn sie ihr Pensum, wie die Arbeiten der Ratsmädel gelehrt benannt wurden, schlecht gelernt hatten. Da gab es ein äußerst langweiliges Überhören ohne Ende, ehe man an die beliebte Abendunterhaltung kam, und die Mädchen wurden von Budang hart angelassen. In einer Ecke mühte sich Ernst von Schiller, abwechselnd mit Budang, an Röse ab, die das Auswendiglernen so schwer zu stande brachte, daß es ein Skandal war, wie Röses Freunde sich über diesen Mangel ausdrückten.
Für Marie, deren Gedächtnis vorteilhafter ausgestattet sein mochte, genügte einfache Hilfe. Sie war ein für allemal Franz Horny zugewiesen, der sich seinem Amte mit Geduld und Bewunderung für das schöne Geschöpf unterzog.
Die Ratsmädel glichen zwei Knospen von lebensvollster Frische und Kraft. An ihnen mochte nichts Angekränkeltes sein, nichts, was nicht ebenmäßig sich entfaltet hatte, und nichts, was nicht auf eine noch viel lieblichere Vollendung hindeutete. Sie schienen mehr, als man gewöhnlich unter jugendfrisch versteht. Sie waren urwüchsig, eigenartig und harmlos, wie es junge, von Menschen unbehelligte Tiere sind.
Und unbehelligt waren sie, von aller Welt gern gesehen, die Freude der Wünschengasse; wer blickte ihnen nicht nach, wenn sie mit ihren langen, schweren Zöpfen, die noch vor kurzem so manchem Gassenbuben um die Ohren gesaust waren, die Straße hinabgingen? Sie bildeten den Stolz der Untergebenen ihres Vaters, „die Ratsmädel“, denen man allen Respekt erzeigen mußte.
Ja, ihr Ruf war bis ins Schloß gedrungen, wie wir wissen. Überall aber fühlten sie sich gleich wohl, gleich sicher, ob auf den Gassen, ob im Schloß, ob unter den würdigen Bekannten ihres Vaters, oder unter ihren guten Freunden und steckten bis über den Kopf in Wohlbehagen. Die urgesunden Geschöpfe! Wer aber hatte auch solche Freunde, wie unsere beiden?
Hatten sie die unumgängliche Überhörungsstunde, den Anfang der schönen Winterabende, hinter sich, und blickten Budangs Augen unter den dicken, blonden Locken nicht mehr so strenge auf Beantwortung seiner Fragen dringend, die den beiden oft sauer genug wurde, dann begannen die behaglichen, unvergeßlichen Stunden. Was aber thaten, was unternahmen sie an solch einem Abend? Sie spielten Lotto. Sie saßen eng aneinander gedrängt, die Mutter, die Brüder, die Mädchen, die Freunde und spielten Lotto um Pfeffernüsse vom Konditor Ortelli, den die Franzosen damals ausgeplündert hatten; aber mit welchem Eifer wurde gespielt, mit welchem Feuer! und wie wurde gelacht! Worüber sie wohl lachten? Über unschuldige Scherze, über eine Anekdote aus dem Leben der drei braven Jungen, über einen Ausspruch Rösens, die groß war in trocknen, vielsagenden Bemerkungen; darüber, daß Budang eine Locke über das Auge gefallen war, und er gerade durch den Ringel blickte. Dergleichen konnte Röse und Marie außer Rand und Band vor Lachen bringen, so daß die Mutter sie manchmal ermahnte, ja, sie aus dem Zimmer steckte, damit sie sich draußen in der Dunkelheit und Kälte einmal erst wieder auf sich selbst besinnen sollten. Sie kamen dann jedesmal in unverminderter Heiterkeit wieder herein und immer mit einer guten Idee, die ihnen wahrscheinlich bei der Abkühlung gekommen war.
Sie schlugen eine Verkleidung vor, einen Tanz. Sie kamen mit der Bitte zurück, die Freunde und Brüder sollten sie im Stuhlschlitten fahren.
Durch solch einen lebensvollen Vorschlag entstanden die schönsten Stunden. Er schien so ganz aus dem Herzen zu kommen, aus dem innersten Verlangen heraus, und wie er von Herzen kam, so ging er zu Herzen, so wurde er ausgeführt, so wurde er auch von der Mutter gestattet, die eine liebevolle Frau war und wohl wissen mochte, wie göttlich, wie unwiederbringlich, wie leichthinschwindend die Jugend ist.
So haben die Ratsmädel herrliche Winterfahrten gemacht, bei Sonnenuntergang, bei Mondschein; jede in einem Stuhlschlitten, Bruder und Freunde hinter sich, die sie in Windeseile durch die Straßen der Stadt fuhren. So zog das leichte, lustige, vergängliche Gesindel auch an dem Hause vorüber, in dem der lebte, der für die Ewigkeit schuf.
Sie fuhren über die hellen Lichtscheine, die aus den Fenstern Goethes auf den Schnee fielen, und dachten sich nichts dabei, wußten wohl kaum, daß sie vorübergefahren.