„Die ist auf Vorrat, Röschen,“ erwiderte der Beutler, ohne innezuhalten.
„Ja, was ist denn das?“ rief mit einem Male die Beutlersfrau und trat ans Fenster. „Kinder, kommt schnell einmal her!“ Den Ratsmädchen aber wurde es angst und bange; da hatten sie die Bescherung. Unten vor der Thüre der dicken Nanni waren die Müller mit samt den Eseln angelangt; die Jungfer war eben auch schon aus dem Hause getreten, und der Lärm ging los. Die Nachbarsleute rissen die Fenster auf, wer auf der Straße war, kam zugelaufen; es sammelte sich von allen Seiten, und Müller und Esel waren bald eingeschlossen von neugierigen Gaffern, mitten unter ihnen die dicke Nanni. Sie hatte ein weißes Linnen über dem Arme hängen, und die große Haube saß ihr schief auf dem Ohre.
Die war in Rage; der Tausend, das ging wie Semmelbacken! Da hatte, wer nur den Mund aufthat, ohne daß er ausgesprochen, seine Antwort und zwar eine doppelt gesalzene und gepfefferte. Die Meisterin öffnete jetzt das Fenster und drängte die Mädchen, damit sie ja alles sehen sollten, ganz vorne hin. Der Meister machte sich auch in die Höhe und stellte sich mit eingestemmten Armen hinter die Frau. So waren die Ratsmädchen gefangen und mußten, sie mochten wollen oder nicht, mit ansehen, was sie angerichtet hatten. Sie hätten es sich noch vor zwei Stunden nicht besser wünschen können. Jetzt aber hätten sie sich am liebsten verkriechen mögen. Die Herzen waren ihnen ganz gehörig schwer; denn so einen Straßenlärm veranlaßt zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Aber so viel hörten sie aus all dem Zank unten heraus, daß die Jüdin sich von den Müllern selbst zum besten gehalten glaubte; sie hatte kein gutes Gewissen gegen die Müller. Diese mochten noch so sehr auf ihrem Rechte bestehen, sie hörte nicht darauf, sondern, nachdem sie ihrem Herzen Luft gemacht, stemmte sie den linken Arm in die Seite, schaffte sich, wie es ihre Art war, tüchtig Platz, verschwand in ihrem Hause und warf die Thüre hinter sich zu. Nun räsonnierten die Müller noch eine Weile untereinander, und erst nach und nach wurde der Menschenknäuel unter dem Fenster lichter; die Müller mit ihren Eseln zogen ab, und alles verlief sich.
„Da geht auch Budang!“ sagte Marie schüchtern zu Röse.
„Ja!“ sagte Röse.
Als die Mädchen miteinander die Treppe hinuntergingen, um nach Hause zu laufen, da stand, als sie aus der Thüre traten, Budang da, trat auf sie zu und sagte: „Das seid Ihr gewesen! Ich habe Euch wohl gesehen! Jetzt hier am Fenster und vorhin. Schämen solltet Ihr Euch!“ Jetzt trat er ihnen noch einen Schritt näher. „Wenn Ihr Jungens wär’t,“ sagte er mit zorniger, leiser Stimme, „da setzte es jetzt etwas; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“
Damit ließ Budang sie stehen. Er sah nur noch, daß Marien die Thränen in den Augen standen, und es auch Röse schon um den Mund zuckte, aber was ging ihn das an.
Die Mädchen waren sehr betroffen, es hätte ihnen gar nichts Schlimmeres passieren können, denn Budang stand hoch in ihrer Meinung, und sie hatten nur immer ihren Ärger gehabt, daß er es nicht mit ihnen hielt. Sie waren ganz zerknirscht von Budangs offenbarer Verachtung, wie er sie gegen sie gezeigt hatte.
In einem trostlosen, reuevollen Zustande kamen sie zu Hause an; der wurde ihnen ganz unerträglich, so daß sie am liebsten laut geweint hätten, als bei Tische die Brüder von der Eselgeschichte erzählten und ihren Spaß daran hatten. Die Brüder bekamen aber von dem Vater einen starken Verweis. Er wolle nicht, daß seine Söhne sich an solchen Rüpeleien vergnügten, sagte er, und so etwas von Scham und Ärger, wie die Mädchen jetzt fühlten, war noch nie in ihnen aufgestiegen. So früh es nur anging, schlichen sie sich hinauf in ihre Kammer. Den andern Tag sollten sie zur Jungfer Loisette in die Mühle gehen und würden Budang begegnen; das stand ihnen mit Entsetzen den ganzen Abend vor der Seele. Sie konnten darüber nicht zum Einschlafen kommen, und Marie kroch vor lauter Angst zu Rösen ins Bette, legte den Arm um die Schwester, und so schliefen die beiden Schelme, als sie trotz aller Sorge und Not gar zu müde wurden, ein und schliefen bis in den hellen Morgen.
Das war eine schwere Stunde, als sie am anderen Tage nach der Vesperzeit, von der Mutter jede mit einer Näharbeit ausgerüstet, zu der Jungfer Loisette geschickt wurden. Als sie vor der Gassenmühle standen und sich nicht hineinwagten, hofften sie von Minute zu Minute, daß etwas geschehen würde, um sie zu retten. Röse hatte vor lauter Angst und Scham grausame Ideen, daß es ihr z. B. recht gewesen, wenn die Mühle mitsamt der Jungfer und Budang so vor ihnen in die Erde hineingerutscht wäre. — Aber was half’s; sie mußten sich entschließen. Zaghaft gingen sie durch das kleine Höfchen. Über das mächtige Rad rauschte der kalte, klare Mühlbach, und sie hörten das Mahlwerk klopfen und hämmern. Als sie in die Mühle traten, fühlten sie, wie die Dielen leise zitterten, denn alle Räder waren in Arbeit, und aus dem Mehlraum drang es wie feiner Staub, und das ganze Haus roch kräftig nach frischem, trockenem Mehl. Alles war rein und sauber, die Treppen schneeweiß, und die Mehl- und Kornsäcke lagen rings an den Wänden in Reih und Glied aufgeschichtet. Mit klopfendem Herzen stiegen sie die blanke Treppe zum ersten Stock hinauf, wo die Müllersleute wohnten. Röse faßte Mut und klopfte. „Herein!“ rief es. Röse öffnete, und sie traten beide in eine große, niedere Stube. Da kam ihnen die Mamsell Concordia Loisette entgegen; sie war ein feines Persönchen, sehr klein und schmächtig. Röse war fast schon größer, als sie. Die Mamsell Concordia hatte ein frisches Gesicht und lebhafte graue Augen.