Châtillon wurde rot vor Zorn. Er ritt dicht an Robrecht heran und rief ihm zu: „Das ist schmählich erlogen!“

Diese Beschuldigung verletzte Robrechts Ehre. Schnell riß er sein Pferd zurück und zog sein gebogenes Schwert aus der Scheide. Schon wollte er sich auf Châtillon stürzen – da sah er, daß sein Feind keine Waffen bei sich trug. Mit sichtlichem Unmut steckte er sein Schwert in die Scheide zurück, ritt wieder auf Châtillon zu und sprach mit verhaltener Erregung: „Ich halte es nicht mehr für nötig, mein Herr, Euch meinen Handschuh zuzuwerfen. Ihr wißt, daß der Vorwurf der Lüge ein Flecken ist, der nur durch Blut abgewaschen werden kann. Noch vor Sonnenuntergang fordere ich Genugtuung für diesen Schimpf!“

„Es sei,“ entgegnete ihm Châtillon, „ich bin bereit, die Ehre meiner königlichen Nichte gegen alle Ritter der Welt zu verteidigen.“

Nun schwiegen beide und ritten wieder auf ihre vorigen Plätze zurück. Während des kurzen Streites hatten die anderen Ritter mit sehr verschiedenen Gefühlen die Worte Robrechts mit angehört. Manchen Franzosen erbitterte die Äußerung des Vlaemen tief; doch Ritterehre untersagte es ihnen, sich in den Streit zweier Feinde einzumischen. Karl von Valois schüttelte ungeduldig sein Haupt, und deutlich konnte man in seinem Gesicht den Unwillen lesen, den dieser Streit hervorgerufen hatte. Dagegen huschte über das Antlitz des Grafen Gwijde ein zufriedenes Lächeln, und leise sagte er zu Valois: „Mein Sohn Robrecht ist ein mutiger Ritter. Das hat Euer König Philipp bei der Belagerung von Rijssel erfahren müssen. Da hat Robrechts Schwert manch tapferen Franzosen erschlagen. Die Brügger, die ihn mehr als mich lieben, nennen ihn den Löwen von Flandern, und diesen ehrenvollen Beinamen hat er sich in der Schlacht bei Benevent[11] gegen Manfred wohl verdient.“

„Ich kenne Herrn Robrecht seit langer Zeit,“ war die Antwort. „Weiß nicht ein jeder, mit welcher Kühnheit er dem Tyrannen Manfred das Schwert entwandt? Die Ritter meines Landes rühmen seine Waffentaten. Der Löwe von Flandern gilt als unüberwindlich – und mit Recht.“

Ein stolzes Lächeln erhellte das Antlitz des alten Vaters; aber plötzlich verdüsterte es sich, er beugte in tiefem Schmerze sein Haupt: „Herr von Valois, ist das nicht doppelt schmerzvoll für mich, gerade einem solchen Sohne kein Erbe hinterlassen zu können? Ihm, der dem Haus von Flandern soviel Ruhm und Ehre erworben hätte. Ach, das und die Gefangenschaft meiner unglücklichen Tochter sind zwei Schicksalsschläge, die mich gebrochen haben.“

Karl von Valois antwortete nicht auf Gwijdes Klagen. Lange Zeit hüllte er sich in tiefes Nachdenken und ließ den Zügel seines Trabers am Sattelknopf hängen. Gwijde betrachtete voll Bewunderung den edlen Freund, denn er erkannte, wie schmerzlich das Unglück des Hauses von Flandern den ritterlichen Franzosen betrübte.

Da richtete sich plötzlich Karl von Valois glückstrahlend im Sattel auf, und erfreut rief er aus: „Eine Eingebung Gottes!“

Gespannt sah Gwijde ihn an.

„Graf von Flandern,“ sagte Valois, „ich will, daß mein königlicher Bruder Euch wieder auf den Thron Eurer Väter setze!“