Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses arglose zuzueignen.

Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom Ueberfluß schien. – Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. –

»Aber es war nur um so schlimmer –« sagte der alte Bonaventura, als er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für das Lamm einer geschorenen Heerde.«

Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört, und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine eifersüchtige Regung in ihm erweckte. –

»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles! wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft, erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.« Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen, warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? –

Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der Darstellung, verlor den leitenden Faden – und wußte am Ende nicht, wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem fremden Ohr Preis zu geben? – Jene Geschichte gehört nicht in unsern Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. –

Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.

Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar. Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir – wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen seyn. – Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da –« (sie wies auf Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich in Hoffnung.

»Alles!« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. – Der gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der Täuschung in die leere Luft zu hauchen. –

Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er würde einmal im Fluge die Braut heimführen. –