»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.«
»Mitleid?« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?«
»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme, »ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch die Pulse hüpfen.«
Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes, als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.«
»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem Baal geopfert –« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.
Wie lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem Tone: »unser Kloster ist nicht mehr – sein Altar steht nur noch in meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern nur gesucht, und höchstens gelernt. Wir Alle müssen Geduld mit einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil derselben ein – viel öfterer ein Herz voll Wunden – und die einsame Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft. Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich: es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.«
Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts, ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien.
»Warum ich eigentlich gekommen bin –« sagte sie mit einem gastlichen Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen, Frau Fabia, mit Josephine – und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein, auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste, auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie mögen dies Gebäck gern.«
»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern – eine Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an, doch würde ich auch zu jeder andern Zeit – – –.«
»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute? Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß – daher vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel, spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten Wachsstock voraus.«