Es ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft weht auf den Tisch und bewegt den Strauß von Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir ins Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.
Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. Auch dieses Buch ist eine Heimkehr zu dir. In die größte Entfernung der Seele dringt dein Ruf. Selbst in die schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um einen Inhalt, der dir gehört. Du bist nur da, eindringlich und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.
Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe Seele von Seele scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere Geschichte geworden? Hat es uns nicht von dem fruchtlosesten aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge und Irrtum bewahrt? Welche wirkenden Kräfte unsrer Seele müssen wir eindämmen oder ersticken, um einander die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in den Jahren unsres Wachsens die grenzenlose Verehrung für alles Lebendige gelernt? Das schlichteste Leben eines Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten Dinge gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war in einen unergründlichen Zusammenhang von Beseelung gerückt, der uns die Schönheit der Welt offenbarte.
Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von einem Ziel, wie fern unser Leben von einem Zweck, da wir längst wissen, daß alles Lebendige ununterbrochen in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und daß wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.
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Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich für dich aufgeschrieben habe. Es ist eine große Leidenschaft des Erlebens, die ich zu dir trage. Es ist meine Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt, übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich vielleicht beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst so sehr aus den vielen Stunden vertraut wäre, wo du Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht erträgt.
Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich frei du bist von den Zeitmaßen einer Frau! Was hat es geändert in den Zeitläuften deiner Seele, Gattin und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die unergründliche See hinfährt und vielleicht die Welle zu einem flüchtigen Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren Wandlungen deines Lebens getroffen, hat das Stundenhafte dieser Dinge das Unbegrenzbare deines inneren Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und nichts gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich um ein kleines vermehrt.
Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt und keusch wie zuvor.
In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über ferne Meere ziehst du die Seele deines Freundes zurück, der ein Abenteurer ist und bleiben muß, solange ihn die Götter lieben.
Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen erfüllt sein, tausend Gesichter trage ich vor mir her und kann von jedem sagen: es ist mein Gesicht und aus mir selbst entsprungen.