67. PETERSILIE.
Es waren einmal zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen. Das Mädchen hieß Silie, der Knabe Peter. Die Kinder konnten sich gar nicht miteinander vertragen. Sobald sie zusammenkamen, stritten sie und schlugen einander. Dies machte den Eltern viel Kummer. Das ärgerte den Paten der Kinder, der ein Zauberer war. Er sprach zu den beiden: "Höre ich euch wieder zanken, so lasse ich euch zur Strafe zusammenwachsen."
Es dauerte gar nicht lange, so war wieder Streit; Silie schlug den Peter, und Peter schlug Silie. Da kam der Zauberer durch die Luft gefahren und rührte beide mit seinem Stabe an. Nun waren sie verwandelt. Peter wuchs in die Erde hinein als Wurzel, und oben auf ihm Silie als grünes Kraut. Der Zauberer nannte sie nun zusammen: Petersilie.
68. DAS KIND UND SEIN BLÜMCHEN.
Ward ein Blümchen mir geschenket,
Hab's gepflanzt und hab's getränket.
Vögel, kommt und gebet acht!
Gelt, ich hab' es recht gemacht?
Sonne, laß mein Blümchen sprießen!
Wolke, komm es zu begießen!
Richt' empor dein Angesicht,
Liebes Blümchen, fürcht' dich nicht!
Und ich kann es kaum erwarten,
Täglich geh' ich in den Garten,
Täglich frag' ich: Blümchen, sprich,
Blümchen, bist du bös auf mich?
Sonne ließ mein Blümchen sprießen,
Wolke kam, es zu begießen;
Jedes hat sich brav bemüht,
Und mein liebes Blümchen blüht.
Wie's vor lauter Freuden weinet,
Freut sich, daß die Sonne scheinet;
Schmetterlinge, fliegt herbei,
Sagt ihm doch, wie schön es sei!
69. NACHLÄSSIGKEIT.
Eine fleißige Mutter baute in ihrem Garten Gemüse aller Art. Eines Tages sagte sie zu ihrer kleinen Tochter: "Lieschen, sieh da an der untern Seite des Kohlblattes die kleinen, netten, gelben Tüpfelchen! Das sind die Eier, aus denen die schönfarbigen, aber verderblichen Raupen kommen. Suche diesen Nachmittag alle Blätter ab und zerdrücke die Eier, so wird unser Kohl grün und unversehrt bleiben."
Lieschen meinte, zu dieser Arbeit sei es immer noch Zeit, und dachte am Ende gar nicht mehr daran. Die Mutter war einige Wochen krank und kam nicht in den Garten. Als sie aber wieder gesund war, nahm sie das saumselige Mädchen bei der Hand und führte es zu den Kohlbeeten, und siehe! aller Kohl war von den Raupen abgefressen. Man sah nichts mehr als die Stengel und Gerippe der Blätter. Das erschrockene und beschämte Mädchen weinte über seine Nachlässigkeit. Die Mutter aber sprach: "Tu' künftig das, was heute geschehen kann, sogleich heute und verschiebe es niemals auf morgen!"