Endlich kam er an einem Sonntag unter dichtem Schneegestöber in Jaworowo an, und da er glücklicherweise den Hetman angetroffen hatte, ließ er sich sofort anmelden, obwohl man ihm sagte, der Hetman sei Tag und Nacht mit Expeditionen und Briefen beschäftigt, er habe kaum Zeit, seine spärlichen Mahlzeiten zu halten. Aber der Hetman ließ ihn unerwartet schnell vor sich rufen. Nach einer kurzen Wartezeit unter den Hofleuten beugte der alte Krieger sein Knie vor dem Führer.
Er fand Herrn Sobieski sehr verändert, mit einem Antlitz voll Sorgen; es waren die schwersten Jahre seines Lebens gewesen. Sein Name war noch nicht bis an das Ende der christlichen Welt gedrungen, aber in der Republik umgab ihn schon der Ruf eines großen Führers und eines furchtbaren Türkenbezwingers. Dieser Ruhm war die Ursache, daß man ihm seinerseits den großen Feldherrnstab und die Verteidigung der Ostgrenze anvertraut hatte, aber zu der Würde des Hetmans hatte man weder Heere noch Geldmittel hinzugefügt; dennoch war ihm der Sieg bis zum heutigen Tage treu geblieben, er folgte ihm wie der Schatten dem Menschen. Mit einem Häuflein Soldaten hatte er bei Podhaize gesiegt, mit einem Häuflein Soldaten war er wie ein Feuer kreuz und quer durch die Ukraine gezogen und hatte tausendköpfige Tatarenscharen aufgerieben, die Burgen der Rebellen erstürmt und Zittern und Schrecken vor dem polnischen Namen verbreitet. Aber jetzt drohte der unglückseligen Republik ein Krieg mit der entsetzlichsten der Großmächte jener Zeit, ein Krieg mit der ganzen muhammedanischen Welt. Es war für Sobieski kein Geheimnis mehr, daß der Sultan, als Doroschenko die Ukraine und die Kosaken unter seine Botmäßigkeit stellte, gedroht hatte, die Türkei, Kleinasien, Arabien und Ägypten bis ins Innerste von Afrika aufzurufen, den heiligen Krieg zu predigen und in eigener Person auszuziehen, um von der Republik ein neues Paschalik[H] zu fordern. Die tödliche Gefahr schwebte wie ein Raubvogel über ganz Reußenland. In der Republik herrschte indessen Unordnung, der Adel tobte, um seinen unfähigen Wahlkandidaten zu halten, und seine bewaffneten Lager waren, wenn überhaupt, um so eher zu einem Bürgerkrieg bereit. Das Land, durch die letzten Kriege und Konföderationen erschöpft, war verarmt, der Haß zerfraß es, gegenseitiges Mißtrauen wühlte in seinem Innern; an einen Krieg mit der Macht des Sultans mochte niemand ernstlich glauben, und man verdächtigte den großen Feldherrn, daß er absichtlich solche Gerüchte aussprenge, um die Geister von den inneren Angelegenheiten abzulenken. Man traute ihm sogar zu, daß er selbst die Türken heranzurufen bereit sei, nur um seiner Partei den Sieg zu sichern. Kurz, man machte ihn zum Verräter, und wären nicht seine kriegerischen Getreuen gewesen, man hätte sich nicht gescheut, ihn vor Gericht zu stellen.
Er aber stand vor dem Kriege der Zukunft, zu dem von Osten Hunderttausende wilder Völker heranziehen sollten, ohne namhafte Heeresmacht, mit einem Häuflein, welches so klein war, daß der Hof des Sultans mehr an Dienern zählte, ohne Geld, ohne die Mittel, die niedergerissenen Festungen aufzurichten, ohne Hoffnung auf Sieg, ohne die Möglichkeit einer Verteidigung, ja ohne die Überzeugung, daß sein Tod wie voreinst den Tod Solkiewskis das erstarrte Land auferwecken und den Rächer gebären werde. Darum saß die Sorge auf seiner Stirn, und das prächtige Antlitz, das dem eines römischen Triumphators glich, mit dem Lorbeer auf der Stirn, trug Spuren eines geheimen Schmerzes und schlafloser Nächte.
Bei dem Anblick Boguschs aber erhellte ein gutmütiges Lächeln das Gesicht des Hetmans. Er legte dem Knieenden die Hände auf die Schultern und sagte:
»Sei mir gegrüßt, Krieger, sei gegrüßt! Ich habe nicht gehofft, dich sobald zu sehen, desto lieber bist du mir in Jaworowo! Woher kommst du? Aus Kamieniez?«
»Nein, gnädiger Herr Hetman, ich habe nicht einmal im Vorübergehen hineingeblickt, ich komme schnurstracks aus Chreptiow.«
»Was macht dort mein kleiner Krieger, ist er gesund? Und hat er die Wüsteneien von Uschyz ein wenig gesäubert?«
»Die Wüsten sind schon so ruhig, daß ein Kind sie gefahrlos durchstreifen kann. Die Räuber sind gehängt, und in den letzten Tagen ist Asba-Bey mit seiner ganzen Bande derart aufs Haupt geschlagen, daß kein Zeuge der Niederlage übrig geblieben ist. Ich kam gerade an dem Tage an, als er vernichtet ward.«
»Daran erkenne ich Wolodyjowski! Nur Ruschtschyz in Raschkow kann sich ihm vergleichen. Und was sagen dort die Steppen, gibt es neue Nachrichten von der Donau?«
»Wohl, aber schlechte; in Adrianopel soll in den letzten Tagen des Winters eine große Heeresversammlung stattfinden.«