»Denkst du noch, als dich mir der liebe Gott zurückgegeben hatte, was ich da dachte? Ich sagte: »Was du, Herrgott, auch von mir forderst, ich will es geben. Nach dem Kriege, wenn ich ihn überlebe, will ich eine Kapelle erbauen, aber während des Krieges muß ich etwas Großes tun, um dir nicht mit Undank zu lohnen.« Was bedeutet das Schloß! Wenig genug für so große Wohltaten. Nun ist die Zeit gekommen; ziemt es sich, daß der Erlöser sage: »Versprochen und nicht gehalten?« Eher mögen mich die Mauern des Schlosses begraben, ehe ich das Ehrenwort, das ich Gott gegeben, breche. Es muß sein, Bärbchen; und damit genug. Vertrauen wir auf Gott!«

Noch an demselben Tage machte sich Herr Wolodyjowski mit der Fahne auf, um Herrn Wasilkowski zu Hilfe zu eilen, der gen Hryntschuk geeilt war, weil, einer Nachricht zufolge, die Tataren dort plötzlich hereingebrochen waren, die Einwohner in Fesseln gelegt, das Vieh fortgetrieben und die Dörfer in Brand gesteckt hatten, um alle Spuren ihrer Anwesenheit zu tilgen. Der Herr von Wasilkowski hatte sie sogleich geschlagen, ihnen Beute und Gefangene abgenommen. Letztere brachte Michael nach Swaniez und trug Herrn Makowiezki auf, sie auf die Folter zu spannen und ihre Aussagen sorgfältig niederzuschreiben, damit diese dem Hetman und dem König übersandt werden könnten. Die Tataren sagten aus, daß sie auf Perkulabischen Befehl die Grenzen überschritten und Hilfskräfte unter der Führung des walachischen Hauptmanns Stingan gehabt hätten. Sie vermochten aber trotz aller Qualen nichts darüber auszusagen, in welcher Entfernung sich gegenwärtig der Sultan mit seiner ganzen Macht befinde, da sie, in losen Abteilungen marschierend, keine Verbindung mit dem Hauptlager unterhalten hatten. Alle aber sagten übereinstimmend aus, daß der Sultan mit Macht gegen die Republik heranziehe, und wahrscheinlich in kürzester Zeit bei Chozim Halt machen werde. Es lag in diesen Aussagen nichts Neues für die zukünftigen Verteidiger von Kamieniez; da man aber in Warschau am Hofe des Königs an den Krieg nicht glaubte, beschloß der Kämmerer von Podolien, die Gefangenen samt ihren Neuigkeiten nach Warschau zu senden.

Die vorausgeschickten Streifzügler kehrten befriedigt von ihrer ersten Unternehmung zurück. Inzwischen war am Abend der Sekretär seines Bruderschafters Habareskul, des ältesten Perkulaben von Chozim, zu Herrn Michael gekommen; er brachte keinen Brief, denn der Perkulab fürchtete, etwas Schriftliches von sich zu geben; er hatte aber aufgetragen, seinem Bruderschafter Michael, seinem Augapfel und Herzensbruder, mündlich zu sagen, er möge sich wohl in acht nehmen, und, wenn Kamieniez nicht genügend Soldaten zur Verteidigung habe, unter irgend einem Vorwand die Stadt verlassen, denn der Kaiser werde schon am folgenden Tage in Chozim mit der ganzen Kriegsmacht erwartet.

Herr Michael ließ Perkulab Dank sagen, belohnte den Sekretär und schickte ihn zurück. Er selbst aber setzte sogleich den Kommandanten von der herannahenden Gefahr in Kenntnis.

Die Nachricht machte, obgleich man sie jede Stunde erwartet hatte, einen großen Eindruck. Der Eifer bei den städtischen Arbeiten wurde verdoppelt; Hieronymus von Landskron aber rückte unverzüglich nach seinem Swaniez ab, um dort ein Auge auf Chozim zu haben.

Eine Zeit ging in Erwartung hin; endlich, am frühen Morgen des zweiten August, erschien der Sultan bei Chozim. Die Regimenter breiteten sich aus wie ein uferloses Meer, und bei dem Anblick der letzten Stadt, die in den Grenzen des Herrschaftsgebiets des Padischahs lag, ertönte aus Hunderttausenden von Kehlen der Ruf: Allah, Allah! Jenseits des Dniestr lag die wehrlose Republik, welche die ungezählten Heere wie eine Sintflut überströmen, wie eine Flamme verzehren sollten. Die Kriegerscharen, die in der Stadt nicht Raum finden konnten, lagerten auf den Feldern, auf denselben Feldern, wo vor etlichen Jahren eine gleich große Armee des Propheten von den polnischen Schwertern zerschmettert worden war. Nun schien die Zeit der Rache gekommen, und unter den wilden Heerscharen ahnte niemand, vom Sultan bis hinab zum Lagerknecht, daß diese Felder zweimal unheilbringend für den Halbmond sein sollten. Die Hoffnung, ja die Gewißheit des Sieges belebte aller Herzen, die Janitscharen und die Spahis, die Scharen vom Balkan, von Rodope, von Rumelien, vom Ossa und Pelion, vom Karmel und Libanon, aus den Wüsten Arabiens, von den Ufern des Tigris, aus den Niederungen des Nil und den glühenden Sandmeeren Afrikas — sie alle erhoben ein wildes Geschrei und begehrten, daß man sie sofort nach dem »ungläubigen Ufer« hinüberführe. Da begannen die Mu'ezzins auf den Minaretten von Chozim zum Gebet zu rufen, und still ward es ringsumher. Ein Meer von Köpfen, in Turbanen, Kapuzen, Fez', in Burnussen, Kepis und Stahlhelmen neigte sich zur Erde, und über die Felder ging ein dumpfes Murmeln des Gebets, dem Gesurre eines unermeßlichen Bienenschwarmes vergleichbar — und flog, vom Winde getragen, hinüber über den Dniestr in die Republik hinein.

Dann ertönten die Trommeln, die Krummhörner, die Pfeifen und gaben das Zeichen der Ruhe. Obgleich die Heere langsam und bequem marschiert waren, wollte ihnen der Padischah doch nach dem langen Wege von Adrianopel bis hierher die gewohnte Ruhe geben. Er selbst nahm Waschungen vor in dem hellen Quell, der unweit der Stadt floß, und fuhr in den Konak von Chozim. Auf den Feldern wurden die Zelte der Regimenter aufgeschlagen, die bald wie der Schnee des Winters die unabsehbare Fläche bedeckten.

Der Tag war schön gewesen, und der Abend war heiter. Nach den letzten Abendgebeten begann das Lager zu ruhen; Tausende, Hunderttausende von Feuern erglänzten, und ihr Flackern wurde vom gegenüberliegenden Schlößchen von Swaniez mit Sorge bemerkt, denn sie nahmen einen so ungeheuren Raum ein, daß die Soldaten, die auf Kundschaft ausgegangen waren, sagten, als sie Rechenschaft gaben von dem, was sie gesehen, die ganze Moldau scheine im Feuer zu liegen. Aber je höher der helle Mond an dem gestirnten Himmel emporstieg, desto mehr erbleichten die Lagerfeuer; endlich brannten nur noch die Feuer der Wachen, das Lager wurde still, und durch die Ruhe der Nacht ertönte nur das Wiehern der Pferde und das Brüllen der Büffel, die auf den Fluren von Taraban weideten.

Am anderen Morgen. — es dämmerte kaum — sandte der Sultan Janitscharen, Tataren und Lipker aus; sie sollten den Dniestr überschreiten und Swaniez nehmen, das Städtchen und das Schloß. Der tapfere Hieronymus von Landskron erwartete sie nicht hinter den Mauern, sondern griff mit vierzig von seinen Tataren, achtzig Kijanern und einigen Genossenschaftsfahnen die Janitscharen beim Übergang über den Fluß an und brachte dies treffliche Fußvolk in solche Verwirrung, daß es sich in wilder Unordnung zurückzog. Inzwischen aber war eine Tatarenschar, von Lipkern unterstützt, seitwärts über den Fluß gesetzt und in die Stadt gedrungen. Der aufsteigende Rauch und lärmende Rufe kündigten dem tapferen Kämmerer an, daß die Stadt bereits in den Händen der Feinde war. Er gab also Befehl, sich zurückzuziehen, um den unglücklichen Einwohnern zu Hilfe zu kommen. Die Janitscharen konnten ihn nicht verfolgen, da sie zu Fuß dienten, er aber sprengte in vollem Galopp zu Hilfe. Schon war er angelangt, als plötzlich seine Leibtataren ihre Fahnen hinwarfen und zum Feinde übergingen, ein höchst gefahrdrohender Augenblick. Die Tatarenschar, von den Lipkern unterstützt, fiel, in der Voraussetzung, daß der Verrat Verwirrung erzeugt habe, mit großer Wucht über den Kämmerer her; zum Glück leisteten die Kijaner, durch das Beispiel ihres Führers ermutigt, tüchtigen Widerstand. Die Genossenschaftsfahne brach bald den Angriff des Feindes, der übrigens nicht imstande war, der regulären polnischen Reiterei Widerstand zu leisten. Der Boden vor der Brücke bedeckte sich bald mit Leichen, besonders mit Lipkern, denn diese hielten dauernder stand als die von der Horde. Noch viele von ihnen wurden in den Straßen niedergemetzelt; dann suchte Herr von Landskron, als er sah, daß Janitscharen vom Wasser herkamen, Schutz hinter den Mauern und schickte einen Boten nach Kamieniez um Hilfe aus.

Der Padischah gedachte anfangs an diesem Tage das Schloß von Swaniez nicht einzunehmen, denn er war mit Recht der Ansicht, daß er es bei dem allgemeinen Übergang des Heeres über den Fluß in einem Augenblick niederwerfen werde. Er wollte nur die Stadt einnehmen, und da er voraussetzte, daß die Abteilungen, die er ausgeschickt hatte, vollkommen ausreichend seien, sandte er weder Janitscharen noch Kosaken nach. Die aber, welche schon diesseits des Flusses waren, nahmen, als der Kämmerer sich hinter die Mauer zurückzog, von neuem die Stadt ein. Sie steckten diese nicht in Brand, damit sie ihnen und den anderen Abteilungen in Zukunft als Schutz diene, und begannen darin zu wirtschaften mit Schwert und Dolch. Die Janitscharen ergriffen die jungen Weiber zu soldatischer Wollust, die Männer und die Kinder wurden mit Beilen niedergehauen. Die Tataren waren mit Beutemachen beschäftigt.