ARJUNA SPRACH
Höchstes Brahman, höchste Stätte und höchste Läuterung bist du!12
Den ew'gen Geist, den himmlischen, den Urgott, mächtig, ungebor'n –
So nennen dich die Weisen all, – auch der Gottweise Nârada,13
Asita, Vyâsa, Devala[111] – und auch du selber sagst es mir.
Dies Alles halte ich für wahr, was du mir sagst, o Keçava!14
Denn deine Offenbarung ist Göttern und Geistern unbekannt,
Du selber aber kennst dich wohl durch dich selber, o höchster Geist,15
Der Wesen Heiland du und Herr, Gott der Götter und Herr der Welt!
Du kannst es künden ohne Rest, denn himmlisch ist ja deine Macht,16
Mit welcher Macht du diese Welt durchdrungen hast und stehst so da.
Wie erkenn' ich dich, Heiliger, wenn ich auch immer denk' an dich?17
In welchem Zustand deines Seins soll ich dich fassen, Herrlicher?
Ausführlicher erzähl' mir noch von deiner Wunderkraft und Macht!18
Hör' ich den Nektar deines Wort's, dann hör' ich mich wohl niemals satt.
DER ERHABENE SPRACH
Wohlan, so will ich's künden dir, denn himmlisch ist ja meine Macht, –19
Das Wichtigste nur nenn' ich dir, denn End' und Grenzen hab' ich nicht.
Ich bin die Seele dieser Welt, in aller Wesen Herz bin ich,20
Ich bin der Anfang, Mitte ich und Ende auch der Wesen all.
Vishnu unter den Adityas[112], die Sonn' in der Gestirne Schar,21
Marîci[113] in der Marut Schar, der Mond im Sternenheer bin ich!
Bin der Sâman von den Vedas, bin Indra in der Götter Heer,22
Von den Sinnen der innre Sinn, – der Wesen Einsicht, das bin ich.
Bin von den Rudras Çankara[114], Kuvera[115] in der Yakshas Heer,23
Bin von den Vasus[116] all das Feu'r, von den Bergen der Meru[117] ich.
Wisse, daß ich der erste bin von den Priestern, Brihaspati![118] 24
Von den Feldherrn bin ich Skanda[119], von den Seen bin ich das Meer.
Von den Rishis bin ich Bhrigu, von den Worten bin ich das Om[120],25
Im Gottesdienst ein leis Gebet, als Gebirg der Himâlaya;
Der Açvattha[121] von den Bäumen, von den Gottweisen Nârada,26
Als Gandharve Citraratha[122], von den Seligen Kapila[123];
Wisse, ich bin Uccâihçravas[124] unter den Rossen, meerentstammt,27
Als Elephant Airâvata[125], – unter Menschen bin ich der Fürst;
Von den Waffen der Donnerkeil, unter den Kühen Kâmaduh[126],28
Als Erzeuger der Liebesgott, unter den Schlangen Vâsuki[127].
Bin Ananta[128] bei den Nâgas, bin Varuna[129] im Wasserreich,29
Bin von den Vätern Aryaman, bin Yama[130] in der Zwingherrn Schar.
Bin Prahlâda[131] bei den Dâityas, unter den Zählenden die Zeit,30
Bin der Löwe unter den Tieren, unter den Vögeln Garuda[132];
Bin von den Reinigern der Wind, bin Râma in der Helden Schar,31
Bin von den Fischen der Delphin, von den Flüssen der Gangâ-Strom.
Anfang und End' der Schöpfungen und Mitte bin ich, Arjuna,32
Kunde höchsten Geists im Wissen, der Redner Rede, das bin ich!
Unter den Lauten bin ich A[133], bin Dvandva[134] als Compositum,33
Ich bin die Zeit, die nie vergeht, bin der Schöpfer, der allhin schaut.
Ich bin der Tod, der alles raubt, der Ursprung deß, was werden soll;34
Als Weib: die Ehre, Anmut, Red', Erinnrung, Einsicht, Kraft, Geduld.
Von den Sâmans bin ich Brihat[135], von den Metren die Gâyatrî[136],35
Bin als Monat Mârgaçîrsha[137] und der Frühling als Jahreszeit;
Der Würfel unter dem, was trügt, der Glanz der Glänzenden bin ich,36
Der Sieg bin ich, Entschluß bin ich, der Guten Güte, das bin ich.
Vâsudeva[138] bei den Vrishnis, unter den Pândus Arjuna,37
Vyâsa[139] unter den Asketen, unter den Dichtern Uçanas[140].
Der Stock bin ich der Strafenden, die Politik der Kämpfenden,38
Als Geheimnis bin ich Schweigen[141], bin das Wissen der Wissenden.
Was nur von allen Wesen hier der Same ist, ja das bin ich!39
Es gibt kein Ding, das ohne mich besteht; sei's ruhend, sei's bewegt.
Kein Ende gibt's, o edler Held, meiner himmlischen Wunderkraft,40
Andeutungsweise hab' ich nur von ihrem Umfang dir erzählt.
Was es Herrliches irgend gibt, was schön ist und was kraftvoll ist,41
Das, wisse, stammet alles her aus einem Teile meiner Kraft.
Indeß, was soll dir, Arjuna, dies mannigfalt'ge Wissen all? –42
Mit einem Teile meiner selbst hab' ich dies Weltall festgestellt!
ELFTER GESANG
ARJUNA SPRACH
Da mir zu Liebe du das Wort, das höchst geheimnisvolle, sprachst,1
Das höchsten Geistes Siegel trägt, bin ich von allem Irrtum frei.
Der Wesen Werden und Vergehn hab' ich ausführlich nun gehört,2
Von dir, du Lotusäugiger, – und deine ew'ge Herrlichkeit.
So wie du hier geschildert hast dich selbst, du höchster aller Herrn,3
So möcht' ich schaun deine Gestalt, die göttliche, du höchster Geist!
Wenn du's für möglich hältst, daß ich dies schauen kann, du Mächtiger,4
Dann, Herr der Andacht, zeige mir dich selber als den Ewigen!
DER ERHABENE SPRACH
So schau denn die Gestalten mein hundert- und tausendfältig hier,5
Die mannigfalt'gen, himmlischen, in Farb' und Form verschiedenen.
Schau die Adityas, die Vasus, die Rudras, Açvin, Marutas,6
Viele, nie zuvor geschaute Wunder, schau sie, o Bhârata!
In Einem schau die ganze Welt, was sich bewegt und nicht bewegt,7
In meinem Leibe sieh das hier, und was du sonst noch sehen magst.
Doch wirst du mich nicht können sehn mit diesem deinem eignen Aug', –8
Ein himmlisch Auge geb' ich dir, – schau mein, des Herren, Wundermacht!
SANJAYA SPRACH