Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, damals Kommandeur der Artillerie des Gardekorps, berichtet in einem Briefe über das Eingreifen seiner Batterien bei St. Privat: „Eine dichte Masse feindlicher Infanterie kam mit Energie von der Gegend von Amanvillers auf uns zu. Als sie über die Höhe auftauchte, erreichten sie die Probeschüsse mit 1900 Schritt und die 30 Geschütze machten Schnellfeuer. Ein dichter Pulverqualm, von den platzenden Granaten erzeugt, hüllte die feindliche Infanterie ein. Aber nach kurzer Zeit tauchten die Waffen mit den Rothhosen diesseits daraus hervor und kamen näher. Das Feuer ward eingestellt. Ein Probeschuß mit 1700 Schritt bezeichnete den Punkt, auf den man sie heranmarschiren ließ, und so ging es weiter auf 1500, 1300, 1100 und 900 Schritt. Trotz der entsetzlichen Verheerungen, welche die Granaten unter ihnen anrichteten, blieben diese braven Truppen im Avanciren. Aber auf 900 Schritt war die Wirkung gar zu mörderisch, sie wandten sich zur Flucht, von unseren Granaten begleitet, so weit wir sie sehen konnten. Hier haben wir es mit einem Infanterieangriff zu thun, der durch bloßes Artillerie-Feuer abgewiesen ist. Ich habe einige Jahre später einen Adjutanten des Generals Ladmirault gesprochen, der den Befehl zu diesem Gegenstoß gebracht und den Angriff mitgemacht hatte. Es waren zwei Infanterie-Regimenter dazu beordert. Der französische Offizier sagte nur: „Il était impossible de réussir. Vous n’avez pas idée qu’est-ce que cela veut dire, que de devoir avancer dans le feu de votre artillerie.” Die Infanterieangriffe wiederholten sich aus derselben Richtung her. Es haben im Ganzen deren drei stattgefunden, die letzten beiden wurden aber nicht mit solcher Energie unternommen, wie der erste. Sie erstarben schon auf 1500 Schritt von uns. Auch eine Kavalleriemasse war vor diesen Infanterie-Angriffen aufgetaucht, um den Vertheidigern von St. Privat Luft zu schaffen. Sobald einige Probeschüsse die Entfernung gemessen hatten, sprengten die massenhaft einschlagenden Granaten unseres Schnellfeuers die Kavallerie auseinander und sie verschwand dahin, wo sie hergekommen war.”
Noch bezeichnender sind die Berichte desselben Generals über die Schlacht bei Sedan: „Eine feindliche Batterie,” so erzählt er, „ganz mit Schimmeln bespannt, trabte von Fond de Givonne her auf Givonne zu und wollte zwischen diesem Dorfe und dem bois de la Garonne Stellung nehmen. Sobald sie auf der Höhe sichtbar war, richteten die drei Batterien der 1. Garde-Infanterie-Division ihre Geschütze dahin. Die Batterie brach vollständig zusammen, die Trümmer blieben liegen. Sie that keinen Schuß. Einer zweiten und dritten Batterie ging es ebenso. In einer bald nach dem Feldzuge erschienenen französischen Broschüre las ich: „l’Empereur lui-même essaya de placer trois batteries au sortir du Fond de Givonne. Elles furent écrasées sans coup férir...” Je länger man auf derselben Stelle stand, desto sicherer traf man. Einmal sah man Bewegung oben rechts im Ardenner Walde. Die Ferngläser ließen Kavallerie erkennen, welche nach Verdun zu über eine Lichtung des Waldgebirges zu zweien ritt. Die Batterien schossen sich darauf ein. Mit Aufsatz von mehr als 4000 Schritt glaubte man zu treffen. Bei der großen Entfernung zweifelte ich an einer ersprießlichen Wirkung und wollte das Feuer inhibiren, aber die sichtbare Unruhe bei der feindlichen Kavallerie zeigte, daß wir getroffen hatten... Daß mit der Wegnahme des Bois de la Garonne die vollkommene Niederwerfung des feindlichen Heeres besiegelt sein werde, war klar ersichtlich. Aber der Angriff mußte erst vorbereitet werden. Zu diesem Zwecke theilte ich die ganze vor uns liegende Waldlisière in Abschnitte und wies jeder Batterie ihr Theil zu. Sie mußte dann immer mit dem ersten Geschütz den vorderen Waldesrand treffen und jedes folgende Geschütz mußte mit derselben Richtung, aber mit je 100 Schritt Elevation mehr, feuern. So wurde die ganze Waldlisière und der Wald bis in einer Tiefe von 500 Schritt mit Granaten übersät. Die Sprengstücke gingen noch weiter. Ließ sich aber irgend etwas vom Feinde außerhalb des Waldes sehen, so richteten sich alle Geschütze mit vernichtender Wirkung dagegen. Unsere Ueberlegenheit über den Feind war in dieser Periode der Schlacht an dieser Stelle so erdrückend, daß wir gar keine Verluste mehr hatten. Die Batterien schossen wie auf dem Schießplatze nach der Scheibe. Endlich schien der Moment zum Angriff gekommen, die Angriffsbefehle waren ertheilt, eine Salve aus sämmtlichen Geschützen sollte das Signal zur Ausführung sein. Die Salve krachte Punkt 2½ Uhr, die Infanterie stieg den Berg hinan. Mit fieberhafter Spannung richteten wir unsere Blicke nach dem Walde, ob dessen Rand wieder so viele Opfer kosten werde, wie die Lisière von St. Privat. Aber der Widerstand war hier fast Null. An den meisten Stellen kamen die völlig entmuthigten Franzosen unseren Truppen mit dem Rufe entgegen: „„pitié, pitié, nous ne pouvons plus, nous sommes écrasés par le feu de votre artillerie.””
Und nun diesen Schilderungen eines preußischen Artilleristen gegenüber die Aeußerung eines Generals des Mac Mahon’schen Korps: „Was aber das Schlimmste ist, daß unsere Artillerie in beklagenswerther Weise derjenigen der Preußen, sowohl was das Kaliber, als was die Zahl betrifft, nicht gewachsen ist. Unsere 4pfündigen Geschütze, hübsche Spielzeuge in einer Ausstellung, haben nirgends auch nur einen Augenblick vor den 12 Pfündern (es sind die 9 cm-Kanonen gemeint) der Preußen Stand halten können; Tragfähigkeit, Sicherheit und Schnelligkeit des Schusses, Alles ohne Vergleich, ist bei unsern Feinden überlegen. Während unsere Artillerie sich nie halten konnte, verließ die preußische ihre Stellungen nur, um zu avanciren; sie schien von der unseren nie getroffen zu werden und bewegte sich mit derselben Kaltblütigkeit und derselben Präcision, wie auf dem Exerzierplatze.”
Diese Leistungen der deutschen Artillerie hatten das unbedingte Vertrauen zu ihrer Feuerwaffe zur Voraussetzung. Und in der That hatte nicht nur diese allen Erwartungen bezüglich der Konstruktion entsprochen, sondern auch das Verhalten des Materials hatte bei einer bisher noch beispiellosen Beanspruchung alle Befürchtungen auf das glänzendste widerlegt. Von den 9cm, die theilweise seit 1861 im Gebrauch waren, hatten einzelne schon über 2000 scharfe Schüsse gethan; aber völlig unbrauchbar waren nur zwei Rohre durch starke Ausbrennungen geworden; eine zeitweise Unbrauchbarkeit hatten Verletzungen am Verschlusse bei 16 Rohren herbeigeführt. An den 8cm-Rohren, die meist zwischen 400 und 500 Schüssen gethan hatten, waren 25 durch Ausbrennung am Verschlußtheil völlig unbrauchbar, 57 zeitweise unbrauchbar geworden. Aber gesprungen — und das hatte man ja in erster Linie gefürchtet — war kein einziges Rohr. Hiermit war für Deutschlands Feldartillerie die Materialfrage endgültig entschieden. Der Gußstahl hatte sich so glänzend bewährt, daß von der Verwendung der Bronze ferner ganz abgesehen wurde. Auf diesem Gebiet waren alle Hindernisse beseitigt, sodaß Krupp freien Raum erhielt, seine neuen Vervollkommnungen zur Geltung zu bringen.
Bevor wir dem Meister auf dem neuen Wege folgen, müssen wir einen Augenblick verweilen, um noch einmal rückwärts zu schauen auf die letzten Jahre der Entwickelung. Denn Manches hat sich verändert und manches wichtige Ereigniß ist nicht ohne Folge geblieben auf ihn selbst, seine Lebensführung und seine Eigenart.
Nachdem Krupp im Jahre 1860 seine bescheidene Wohnung mit dem „Gartenhaus”, einem in Villenstil innerhalb der Fabrik errichteten Gebäude vertauscht hatte, entschloß er sich im Jahre 1864, dem geräuschvollen Treiben sich und seine Familie zu entziehen. Er hatte ein kleines Landbesitzthum an der Ruhr erworben und das auf einem waldumkränzten Hügel gelegene Bauernhaus zu einem Wohnhaus umgebaut. Erst später trat an dessen Stelle die herrschaftliche Villa, welche, in weithin das Flußthal beherrschender Lage, zum würdigen Wohnsitz der Krupp’schen Familie gestaltet wurde, den ersten bescheidenen Namen „Hügel” aber bis heutigen Tages behielt. Wenige Tage vor dem Umzug auf den Hügel, am 28. Oktober 1864, ward Krupp noch ein bemerkenswerther Besuch zu Theil. Der preußische Ministerpräsident, Herr von Bismarck, hatte vom 7. bis 24. Oktober eine Reihe „glücklich unbeschäftigte” Tage in Biarritz zugebracht, war am 25. in Paris gewesen und auf der Heimreise einer Einladung Krupps gefolgt, in dessen „Gartenhaus” er einen Abend in heiterster Stimmung verbrachte, um andern Tages nach Berlin weiter zu fahren.
Die folgenden Jahre hatten weitere hohe Besuche gebracht, von denen die des Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 17. April und des Königs Wilhelm am 16. Oktober 1865 hervorzuheben sind. Der König wurde auf der im selben Jahre eröffneten eigenen Eisenbahn der Fabrik von Borbeck aus nach dem festlich geschmückten und illuminirten Etablissement gebracht und übernachtete in dem nun für hohe Gäste eingerichteten „Gartenhaus”. Der gütige Monarch pflegte niemals mit leerer Hand zu kommen, und so suchte er dieses Mal seinem Wirth durch Verleihung des Kronenordens II. Klasse ein Zeichen seiner Huld und Anerkennung zu geben. Wenige Tage darauf, am 20. Oktober, langte der Kronprinz zum zweiten Male in Essen an, führte dieses Mal aber auch die Kronprinzessin und die anderen Tages eingetroffene Königin Augusta durch die Räume der Fabrik. Das Jahr 1865 brachte auch einen Besuch des Prinzen Alexander, welcher im Jahre 1867 und 1868 wiederholt wurde. 1866 waren Prinz Adalbert, 1867 Prinz Karl von Preußen, beide in Begleitung ihrer Gemahlinnen in der Gußstahlfabrik. Letztere trafen aber deren Besitzer nicht an; er war in Nizza.
Im Winter von 1866 zu 67 machten sich bei Alfried Krupp zum ersten Male die Einwirkungen der körperlichen und geistigen Ueberanstrengung geltend, denen er seit seinem vierzehnten Lebensjahre unausgesetzt sich nicht entziehen konnte. Von diesen vierzig Jahren hatte er fünfundzwanzig in Noth und Sorge, im Kampf und Ringen um seine und seiner Familie Existenz verbringen müssen; und als der erste durchschlagende Erfolg ihn freier in die Zukunft schauen ließ, als die körperliche Anstrengung sich verminderte, da kam eine Periode des emsigsten Schaffens auf geistigem Gebiete, da mußten immer neue Unternehmungen gewagt, neue Verwendungen des Materials ersonnen und erprobt, immer neue Widerstände und Mißerfolge überwunden werden, erst auf dem Felde der Friedenserzeugnisse, dann der Kriegswaffen. Und als das Ziel, das Krupp mit diesen verfolgte, erreicht zu sein schien, als seine Geschütze in Preußen endlich zur Einführung gelangt waren, da kam der Krieg von 1866 mit seinem artilleristischen Mißerfolg. Wie niederschmetternd mußten diese Kritiken, welche seine Geschütze nicht nur bezüglich der Konstruktion, sondern auch bezüglich des Materials auf das heftigste angriffen, auf den Mann wirken, der in diesem Zweige seiner Industrie, in diesem mit Liebe und allen Opfern gepflegten Kinde seiner Thätigkeit seine höchste Lebensaufgabe erblickt hatte. Dieses Material, von dessen stetig vorzüglicher Güte er so überzeugt war, sollte unbrauchbar, sollte unzuverlässig sein! Krupp hatte die höchste Idee von dem Erbe seines Vaters, er stellte es von vornherein über jedes andere Erzeugniß der Metallurgie, und nur dieser unerschütterliche Glauben an seinen Gußstahl und an die Mission, welche ihn mit dessen Ausbeutung betraut hatte, war der Halt und das Fundament gewesen, mit und auf welchem er sein Leben diese 40 Jahre hindurch aufgebaut hatte, ein festgefügtes Gebäude. Und nun sollte dieser Grund unsicher, diese Stütze unhaltbar sein, nun sollte der ganze Bau zusammenstürzen, ohne die erhoffte und mit Zuversicht erwartete Weiterentwickelung zu finden? Wie schrecklich, wie kaum auszudenken war dieser Gedanke für einen Mann wie Alfried Krupp. Sein ganzes Selbstbewußtsein, sein Stolz, seine Kenntnisse, seine Ueberzeugung bäumten sich dagegen auf und riefen ihm zu: „Nein! Sie sind alle Thoren! Sie sind blind und thöricht. Du weißt es besser und du wirst und mußt sie eines Besseren belehren!” Und nun das eifrige Suchen nach der Quelle der Unglücksfälle, nicht mit Angst und Ungewißheit, aber mit dem heißen Drang aller Welt es vor Augen zu führen, wie falsch sie geurtheilt habe. Und als sie gefunden war, der schnelle Entschluß, diese unglückliche Konstruktion, die ihm aufgenöthigt worden, die gar nicht sein eigenes Geisteserzeugniß war, ganz zu beseitigen. Es wurde früher als ein im Geschäftsinteresse gebrachtes Opfer bezeichnet, daß Krupp die 300 8 cm-Rohre zurücknahm und durch andere ersetzte. Gewiß war es das! Aber im tiefsten Grunde waren die Motive zu diesem Entschluß doch andere, sie lagen viel tiefer, sie waren nicht einfach berechnender Natur, sondern Krupp war in tiefster Seele so empört über diese Geschöpfe seiner Fabrik, welche ihm diesen grimmigsten Schmerz angethan, daß er sie aus der Welt schaffen, sie auf jeden Fall beseitigen mußte. Wenn er nur in geschäftlicher Erwägung gehandelt hätte, so würde es nahe gelegen haben, bei der preußischen Regierung vorstellig zu werden, daß es besser sei, die unzuverlässigen Rohre zu verwerfen, und daß er unter billigen Bedingungen erbötig sei zu einem Umtausch gegen neue, obgleich er an der mangelhaften Konstruktion nicht die Schuld trage. Aber von einem solchen Versuch ist nichts bekannt. Es ist ein freier, rascher Entschluß, der bei Krupps energischem, vor nichts zurückscheuendem Charakter wohl erklärlich ist. Diese Kanonen hatten seine heiligsten Ideale beleidigt, seine Erfolge in Frage gestellt, die Weltstellung seines Gußstahls ernstlich gefährdet: mit der Schroffheit, welche sein Wille in diesem ihm wichtigsten Punkte anzunehmen begann, sagte er: „Weg damit!”
Gleichzeitig begann aber mit großem Eifer die Weiterentwickelung der eigenen Kruppschen Geschützkonstruktionen; es ist wohl keine Frage, daß die mit der preußischen 8 cm-Kanone gemachten Erfahrungen einen Anstoß gaben, selbständig für dieses Geschütz ein besseres zu konstruiren, und so ist der Herbst und Winter 1866 für Krupp unzweifelhaft von so heftigen Gemüthsbewegungen und geistigen Anstrengungen begleitet gewesen, daß eine Einwirkung auf sein körperliches Befinden nicht Wunder nehmen kann.
Es kam hierzu noch Eins, nämlich die Vorbereitung auf die 2. Pariser Weltausstellung, welche im Jahre 1867 stattfinden sollte. Sie war doppelt wichtig nach dem Stoß, den der Gußstahl soeben erlitten hatte, mit doppelter Sorgsamkeit mußte ihre Beschickung ins Auge gefaßt werden. Die geistige und körperliche Abspannung, welche sich im Winter geltend machten, zwangen Krupp dazu, seine unermüdliche Thätigkeit zu unterbrechen und in einem milderen Klima Erholung zu suchen. Er weilte ziemlich lange Zeit in Nizza, dem Ort, den er auch später wiederholt mit Vorliebe und gutem Erfolg aufsuchte.